Kultur : Alterswerke, alterslos

CLAUDIA LENSSEN

Es gilt, einen großen Unbekannten zu würdigen.Manoel de Oliveira ist der Doyen des portugiesischen Kinos: Ursprünglich ein Dandy und Autodidakt, avancierte er erst im hohen Alter mit einer Reihe von brillanten Parabeln und Melodramen zum Glanzlicht des europäischen Autorenkinos.Heute ist Oliveira der älteste aktive Filmregisseur der Welt.

Seine ab den siebziger Jahren gedrehten Spielfilme machten ihn vor allem in Frankreich bekannt.Bei uns wurden diese konzentrierten bürgerlichen Passionsstücke regelmäßig auf der Berlinale, im Internationalen Forum des Jungen Films, gezeigt - Ironie der Geschichte, daß der damals schon graumelierte Anreger eines neuen, nachfaschistischen portugiesischen Kinos, Freund und Nachfolger der visuellen Handschrift von Dreyer, Bresson und den Straubs, zum Spezialfall des sogenannten jungen Films wurde.

Vor zehn Jahren veranstaltete das Arsenal-Kino in Berlin die erste deutsche Retrospektive (und zeigt von heute an erneut eine Reihe mit neun Oliveira-Filmen), im Jahr darauf kam die ironische Salon-Oper "Die Kannibalen" - subtiler Vorläufer von Greenaways "Der Koch, der Dieb, die Frau und ihr Liebhaber" - bei uns noch in die Programmkinos.Für Oliveiras neueste Filme, "Party", "Reise an den Anfang der Welt" und "Unruhe", mußte man zu den großen Festivals von Cannes und Venedig pilgern.Alle seine Filme entwickeln einen Sog, der von ihrer formalen Strenge, eleganten Abstraktion und Sprachbesessenheit ausgeht, aber mindestens ebenso viele faszinierte Bewunderer wie allergische Widersacher findet.So hat keines seiner sieben jüngsten Alterswerke den Weg in deutsche Kinos gefunden.

Manoel de Oliveira, in Porto geboren, blieb Zeit seines Lebens der frommen und fleißigen Nordregion Portugals verbunden.Deren introvertierte Mentalität, patriarchalische Trennung der Geschlechter und spirituelle Erlösungsphantasien boten ihm immer wieder Stoff.Oliveira entstammt einer Fabrikantenfamilie und wuchs unter Frauen auf; seine Liebhabereien ging er ebenso souverän an wie sein Vater, der eine Fabrik für Borten und Tressen betrieb und nebenher die Glühlampenfabrikation in Portugal auf die Beine stellte.Manoel de Oliveira liebte die rege Kinoszene in Porto in der ersten Jahrhunderthälfte, die Keimzelle der einheimischen Filmproduktion überhaupt.Pferde- und Autorennen waren ihm mindestens ebenso wichtige Beschäftigungen wie seine ersten Dokumentarfilme ab den dreißiger Jahren.Ruttmann und Ivens waren damals Vorbilder für den Jungfilmer, der sich in Frankreich umgeschaut hatte.Lange führte er die familiären Geschäfte und hielt sich in Porto in Distanz zum Salazar-Regime.Erst ab 1971 wechselte er kontinuierlich ins Filmfach, stützte sich oft auf literarische Vorlagen des frankophilen Kulturkreises.So adaptierte er Romane von Augustina Bessa-Luis und das monumentale Stück "Der seidene Schuh" von Paul Claudel - letzteres auf Anregung von Jacques Lang in Frankreich.1990 realisierte er seinen einzigen explizit politischen Film "Der vergängliche Ruhm der Herrschaft", in dem er die Geschichte Portugals als bildkräftiges Traktat über ihre verlorenen Schlachten erzählt.

Seine Leidenschaft gehört jedoch den Sphären des gesteigerten Gefühls.In seinen besten Melodramen "Francisca" und "Benilde ..." und in den letzten Filmen sind es die bis zur Agonie introviertierten leidenschaftlichen Frauen, die gerade in der Verweigerung der Ehepflichten desaströse Tumulte des Begehrens auslösen.Oliveira erzählt vom Gefängnis der Konventionen, erzählt in raffinierten Tableaus, ausgefeilten Dialogen und oft in metaphorischen Visionen.Mit Bildern, die dem schnellen Kino stille Kontrapunkte setzen, kreist er um die Geheimnisse im Innern seiner Figuren.Seine Filme sind Fremdkörper im aktuellen Kino, aber sie altern nicht.

Kino Arsenal, bis 23.Dezember.

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