Kultur : Altes Europa mit Gorilla

CHANSON

Ulrich Amling

Nun mag einem trotz strahlend blauem Himmel dieser Tage gar nicht nach Amusement zumute sein. Man vergisst angesichts der aktuellen Bombenstimmung beinahe, dass der Frühling begonnen hat. Wer soll sich da an Walter Jurmann erinnern, dessen größter Schlager „Veronika, der Lenz ist da“ war. Zumal den weltgewandten Wiener eine erstaunliche Bescheidenheit auszeichnete: „Ihm war es nicht wichtig, dass sein Name bekannt war, solange seine Lieder Freude machten“, berichtet seine Frau Yvonne, angereist aus Los Angeles. Sie sitzt in der ersten Reihe des Konzerthauses , ganz nah bei Max Raabe und seinem Palastorchester, während der österreichische Botschafter einen krisenbedingten Fluchtplatz am Rand bevorzugt.

100 Jahre Jurmann sollen gefeiert, ein nicht immer freiwilliger Lebenslauf zwischen Wien, Berlin, Paris und den Vereinigten Staaten gewürdigt werden – und das ist alles andere als müde Nostalgie. Wie Max Raabe in der weit geschwungenen Ausbuchtung des Flügels lauert, sucht seinesgleichen. Wenn er mit lakonischer Eleganz den abschätzigen Begriff vom „alten Europa“ über die Lippen schiebt, spürt man eine geschliffene Geistesgegenwart, die ganz wunderbar mit Fünfuhrtee-Foxtrotts korrespondiert. Oder mit dem einst von Hans Albers gesungenen Nonsenskracher „Mein Gorilla“, wo Mann mit Ehrfurcht vor dem Tier konstatiert: „Wenn er will, ja, dann will er.“

Ob französisches Chanson, San-FranciscoHymne oder italienisches Tenorfutter - Jurmann verwandelt Stile und Stimmungen in melodischen Schmelz, den das behende zwischen den Instrumenten rotierende Palastorchester in unwiderstehlich funkelnde Farben taucht.

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