Kultur : Altes Museum: Caravaggio als Sieger

Michael Zajonz

Ein ernster, gesammelter, nach innen gerichteter Blick: Feinsinnig und ein wenig melancholisch tritt uns der Marchese Vincenzo Giustiniani (1564-1637) auf Claude Mellans virtuosem Porträtstich von 1631 entgegen. Entspricht dieser in den steifen Habit spanischer Hofmode Gekleidete der Vorstellung eines sinnlich erregbaren, ja besessenen Kunstsammlers, der Kabinette und Säle des Familienpalastes mit tausenden antiken Skulpturen und Gemälden füllt? Blickt so nachdenklich jemand in die Welt, der gemeinsam mit seinem Bruder, dem Kardinal Benedetto Giustiniani (1554-1621), einen jungen Lombarden aus dem Dörfchen Caravaggio protegiert; ein schillernder Kerl, der zunächst weniger durch seine Malerei als durch Schlägereien und Skandale auffällt?

Der intellektuelle Horizont der Brüder Giustiniani, philosophisch durch den Neostoizismus bestimmt, ihre politische und wirtschaftliche Macht wie ihr soziales Engagement, eine Antikenbegeisterung, die die Erkenntnis einschloss, dass sich zeitgenössische Kunstproduktion nie in Nachahmung erschöpfen könne und dennoch weiterbilden müsse; all das war mit der klassischhumanistischen Kultur der römischen Oberschicht schon anderthalb Jahrhunderte später endgültig untergegangen. Die schrittweise Auflösung der Sammlung ab 1720 erscheint so als fast zwangsläufiges Finale.

Allzu knappe Hinweise zu diesem kulturhistorischen Kontext der Sammlung wie der Geschichte der Berliner Erwerbung haben die Kuratoren von "Caravaggio in Preußen" pflichtschuldigst an Anfang und Ende des Rundgangs geheftet. Dazwischen ist allein unser Blick gefordert - und soll, wie die fast unleserlich kleinen Bildunterschriften zeigen, wohl nicht durch allzuviel Information abgelenkt werden.

Die in Kooperation zwischen der römischen Universität "La Sapienza" und der Berliner Gemäldegalerie entstandene Ausstellung, die Anfang des Jahres bereits im Palazzo Giustiniani gezeigt wurde, zelebriert den Glanz ihrer Gemälde. Man vertraut ganz auf die formale und inszenatorische Überzeugungskraft einer Malerei, für die der Epochenbegriff des Barock nur unzureichend ist. Und doch: Welch seltenes Glück für Berlin. Anderthalb Jahrzehnte liegt die letzte Sonderausstellung italienischer Malerei an der Gemäldegalerie zurück.

Auf roten und grünen Wänden großzügig gehängt, präsentiert sich ein musée temporaire von verschwenderischer Pracht: Im Zentrum stehen die fünf noch nachweisbaren Caravaggios der Giustinianis. Neben dem Berliner Coverboy des "Amor als Sieger" und dem Potsdamer "Ungläubigen Thomas" erscheint der nicht weniger prominente St. Petersburger "Lautenspieler", ein Frühwerk, dessen genrehaften Züge auf die Faszination nordischer Malerei verweisen. Unzweifelhaft als Höhepunkt dieser Gruppe beherrscht die Wiener "Dornenkrönung" in ihrer Brutalität gegen den erniedrigten Christus heute noch eine ganze Galerie.

Flankiert wird dieser Kern von frankoflämischen und holländischen Nachfolgern: Bestaunenswert allein Gerard van Honthorst, der die psychologische Eindringlichkeit des großen Lombarden auf die ausgefeilte Hell-Dunkel-Dramatik der "Utrechter Caravaggisten" zentriert. Den bereits vom Vater zusammengetragenen Gemälden des Quattro- und Cinquecento um Ghirlandaio und Lotto - fast allesamt aus Berlin - antwortet eine Auswahl der besonders von Benedetto geschätzten Bologneser Schule. Ihnen sekundieren die Klassizisten um Poussin und den Bildhauer Francois Duquesnoy, für die der Palazzo Giustiniani schon wegen seiner Antiken zu einer ersten Adresse Roms geworden war. Dessen federnd elegante Kleinbronze "Merkur und Cupido" besteht in der schmalen Auswahl zeitgenössischer Marmor- und Terracottaskulpturen.

Was niemand ahnen kann, der nicht zum Katalog greift: Die Schau verdankt sich akribischer Quellenforschung. Auf der Basis des Familienarchivs der Giustiniani - allein in Rom lagern über 400 Bände - sucht das interuniversitäre Forschungsprojekt "Giove" die komplette Kollektion zu identifizieren und virtuell zu rekonstruieren. Allein aus der Zeit der Entstehung der Sammlung zwischen 1590 und 1637 fanden sich drei Inventare, die nicht nur rapides Wachstum des Bestandes, sondern erstmals auch den persönlichen Geschmack der Brüder belegen. Mitarbeiter dieses Projekts, dass am Kunsthistorischen Institut der Freien Universität einen Stützpunkt hat, waren auch an Ausstellung und Katalog beteiligt.

Was die Giustinianis an malerischen Temperamenten um ihre ungleichen Dioskuren Caravaggio und Annibale Caracci versammelten, war um 1600 unerhört neu, ja unklassisch und wurde auch von der Kunstgeschichte erst spät entdeckt. Um so bemerkenswerter erscheint der Ankauf eines qualitativ bedeutenden Teils der Gemälde durch Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Denn es war nach wie vor die Gemäldesammlung Friedrich August III. in Dresden, die mit römischer und venezianischer Hochrenaissance Standards setzte. Die Entscheidung des Königs muss angesichts der von Napoleon zusammengeraubten und im Louvre präsentierten Schätze spontan gefallen sein, verrät aber erstauliche Kennerschaft.

"Es gibt hier allerlei schöne Kunstsachen zu verkaufen, und der König hat Lust", so berichtet Wilhelm von Humboldt im Sommer 1815 aus Paris nach Berlin. Wenig später ist der Handel mit dem Kunsthändler Féréol Bonnemaison perfekt: Für 540 000 Francs - indirekt durch französischen Reparationszahlungen finanziert - kauft der für seine Sparsamkeit bekannte Friedrich Wilhelm III. 157 Bilder aus der einst 600 Werke umfassenden Kollektion. Ob souverän, gelenkt oder ahnungslos: Er legt den Grundstein für die Berliner Gemäldegalerie - und schreibt Kunstgeschichte.

Dies ist keine der üblichen Ausstellungen im Preußenjahr. Und doch: "Caravaggio in Preußen" erzählt mit nur 70 Gemälden, einer Handvoll Skulpturen, ein paar Grafiken und Büchern auch eine Erfolgsstory vom Wachsen und Werden Berlins zur Kulturmetropole. Seit seinem Regierungsantritt 1797 sah sich der König bedrängt, die in den Schlössern von Berlin und Potsdam gesammelten Kunstwerke öffentlich zugänglich zu machen. Der Archäologe Aloys Hirt, der junge Schinkel und andere hatten Konzepte, ja baureife Pläne geliefert. Allerdings sollte es bis zur Eröffnung des Museums am Lustgarten noch weitere 15 Jahre dauern - erst mit dem aus einer Siegerlaune geborenen Ankauf erwuchs aus einer fürstlichen Eitelkeit eine museumswürdige Sammlung.

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