Altes Museum : Der unbekannte Römer

Das Alte Museum Berlin präsentiert die berühmte Brutus-Skulptur, eine Leihgabe der Kapitolinischen Museen in Rom. Archäologen datieren die Büste auf das 3. Jahrhundert vor Christus.

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Kritischer Blick. Die Augen der Brutus-Skulptur sind aus Knochen und Edelsteinen gefertigt. -Foto: dpa

Einmal hat er Rom verlassen. Napoleon nahm ihn mit und ließ ihn im Pariser Louvre ausstellen. Erst nach Napoleons Sturz 1815 kehrte er an seinen angestammten Platz zurück. Nun ist „Brutus“, die Bronzeplastik, nach Berlin gekommen, in die Antikensammlung im Alten Museum – als Leihgabe der Kapitolinischen Museen in Rom. Brutus ist eine der berühmtesten antiken Figuren Roms, ein Wahrzeichen der Ewigen Stadt und immer wieder beliebtes Motiv zur Illustration von Lateinschulbüchern. Claudio Parisi Presicce, Direktor der Kapitolinischen Museen, nennt ihn in einem Atemzug mit der Romulus und Remus säugenden Wölfin. „Danach zu fragen, hätten wir nie gewagt“, sagte Andreas Scholl, Chef der Antikensammlung bei der Eröffnung der Kabinettausstellung „Der Brutus vom Kapitol“. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin spricht gar von einem „Wunder“, dass die Ausleihe geklappt hat. Sie war auf Initiative der italienischen Botschaft zustande gekommen.

Viel weiß man nicht über den Mann mit dem strengen Blick. Lange glaubte man, es handle sich um Lucius Iunius Brutus. Er soll der erste römische Konsul gewesen sein, der die etruskischen Könige vertrieb und im 6. Jahrhundert vor Christus die Republik einführte. Nicht zu verwechseln mit Marcus Iunius Brutus, dem Cäsar-Mörder – wenngleich jener in der Detektivgeschichte eine wichtige Rolle spielte. Denn der Verschwörer Brutus berief sich auf den Konsul Brutus und ließ dessen Konterfei auf Münzen prägen. Anhand dieser Geldstücke wiederum erfolgte in der Renaissance die fälschliche Zuschreibung. Heute weiß man: Allein die Bärte ähneln sich. Wer wirklich dargestellt ist, bleibt ein großes Rätsel. Archäologen datieren die Büste auf das 3. Jahrhundert vor Christus.

Berlin hat einen unbekannten Gast – dafür einen gut erhaltenen. Die Augen etwa sind im Originalzustand, gefertigt aus Knochen und dem Edelstein Karniol. Der Untertitel der Ausstellung „Ein Porträt macht Weltgeschichte“ bezieht sich auf die ikonografische Bedeutung der Figur, die sie in der Französischen Revolution erlangte. Der Maler Jacques-Louis David griff in seinem Gemälde „Die Liktoren bringen Brutus seine beiden toten Söhne“ die Geschichte des römischen Freiheitshelden auf. Kopien der Büste kursierten im ganzen Land. Eine stand vor der Rednertribüne der Nationalversammlung. Die Revolutionäre legitimierten die Hinrichtung König Ludwigs XVI. mit der römischen Vergangenheit.

Wie ein Puzzleteil fügt sich der ausgeliehene Römer nun in die Bestände der Berliner Museen ein. Das Münzkabinett der Staatlichen Museen steuert jene antiken Münzen bei, die zur Verwechslung führten. Das Kupferstichkabinett besitzt die früheste Zeichnung der Plastik. Der holländische Maler Maarten van Heemskerck hielt sie zwischen 1532 und 1536 in seinem Skizzenbuch fest. Als Dankeschön für das Entgegenkommen der römischen Kollegen soll der Brutus nach der Ausstellung ins Bundesamt für Materialprüfung geschickt werden. Vielleicht erfährt man dann mehr zur Entstehungszeit. Ob der Brutus aber danach noch Brutus heißen wird, ist ungewiss. Anna Pataczek

Altes Museum, Museumsinsel, Am Lustgarten, bis 2. Mai, Mo - So 10 - 18 Uhr, Do 10 - 22 Uhr, Katalog 15 €.

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