ALTES RUSSLAND, NEUES RUSSLANDVladimir Sorokin liest : Wie Putin einen Bart bekam

Katrin Hillgruber

„Wenn jetzt an die Stelle des Marxismus als Hauptideologie die Orthodoxie und im Grunde die Monarchie träte“, sagt Vladimir Sorokin, „würde Russland sehr schnell in die Vergangenheit zurückkehren, und zwar ins 16. Jahrhundert. Und wir würden sehr schnell auch anfangen, die Sprache dieses 16. Jahrhunderts zu sprechen. Sie würde sich mit jener der Hochtechnologie mischen, und das Ergebnis wäre grotesk.“ In seinem neuen Roman „Der Tag des Opritschniks“ (Kiepenheuer & Witsch) hat Russlands berühmtester Anti-Utopist die nationalistischen und isolationistischen Tendenzen seiner Heimat wörtlich genommen.

Er erzählt von einem beliebigen Montag im Leben des Andrej Danilowitsch Komjaga. Diese Beschränkung auf einen Tag tut Sorokins wie stets vor Fantasie überschäumendem Schreibtemperament gut. Anders als die „Ljod“-Trilogie oder der 2068 angesiedelte „Himmelblaue Speck“ fällt dieser Roman realistischer aus. Der Titel spiegelt Alexander Solschenizyns Kurzroman „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ von 1962. Darin ging es um den trostlosen Tagesablauf eines Gulag-Insassen. Nun ist eine Innensicht der Macht aus der Täterperspektive zu erleben. Sorokin geht es beileibe nicht um eine simple Putin-Satire, wie er sagt. Dabei sieht der schmalgesichtige Herrscher Gossudar bei seinen nach Ikonen-Art goldumflorten Videoansprachen dem gegenwärtigen Staatschef trotz Bart auffallend ähnlich. Nein, Sorokin beschäftigt die Frage, was Russland von wirklichen Demokratien unterscheidet. Das Ergebnis besticht durch Scharfsinn und makabren Witz. Katrin Hillgruber

Literarisches Colloquium Berlin, Di 29.1.,

20 Uhr, 6 €/erm. 4 €

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