Kultur : Altes Wissen rostet nicht

Nur noch wenige Betriebe beherrschen die Kunst, aus Bronze filigrane Figuren zu gießen. Die Bildgießerei Kraas besteht seit 1883

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Von Jahel Mielke In der Werkstatt scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwischen staubigen Schleif- und Fräsmaschinen stehen Teile von Figuren – ein großer Fuß, Katzen aus dem ägyptischen Museum. Um die Ecke lagern auch abstrakte zeitgenössische Werke. Durch die Fenster im Kreuzberger Hinterhof fällt kaum Licht. Das Handwerk, das in der Bildgießerei Kraas ausgeübt wird, beherrschen nur noch wenige Spezialisten. Seit 1883 restauriert und fertigt das Unternehmen vorwiegend Bronzefiguren. Die älteste Berliner Kunstgießerei gehört auch zu den ältesten Deutschlands.

Nach der Wende 1990 hatte der langjährige Mitarbeiter Klaus- Dieter Schaar die Geschäftsführung des Familienbetriebs von Ernst-Detlef Kraas übernommen. An vielen Stellen in Berlin und Brandenburg, aber auch in anderen Ecken Deutschlands kann man die Werke von Kraas besichtigen. Vor zwei Jahren erst fertigte das Unternehmen Bronzekopien der Figuren „Tag“ und „Nacht“, die seit Juni 2004 wieder von der Portalruine des ehemaligen Anhalter Bahnhofs in Berlin auf die Passanten herabblicken. Andere Beispiele sind die Blätterkronen der historischen Brunnen am Brandenburger Tor oder die Minerva im Schlosspark Charlottenburg. Manchmal hat aber auch die Berliner Konkurrenz die Nase vorn, so erhielt die Kunstgießerei Noack den Auftrag, die Quadriga aus Kupferblech nachzubilden.

Kraas restauriert auch für Berliner Museen Figuren oder Plastiken. Von vielen Skulpturen sind heute Bronzekopien ausgestellt, weil die Originale so zerstört sind, dass eine sinnvolle Restaurierung nicht möglich war. Manchmal wird vor Ort restauriert, sonst kommen die Objekte mit Kran und Tieflader zu Kraas.

Aber große Aufträge sind rarer geworden. „In den 60ern und 70ern wurden etliche im Krieg zerstörte oder eingeschmolzene Figuren neu gegossen oder restauriert. Heute gibt es auch noch Bedarf, aber die Finanzlage ist schwieriger“, sagt Schaar. Bei Kraas wird hauptsächlich Bronze gegossen, manchmal auch Aluminium. Für den Hersteller hat die Beständigkeit des Materials auch Nachteile: „Bronze ist eigentlich unzerstörbar. Einmal restaurierte Figuren bedürfen wenig weiterer Pflege“, sagt Schaar.

Bronze ist wegen der hohen Qualität ein teures Material. Trotzdem lassen sich Liebhaber und Sammler Figuren oder Skulpturen gießen. Auch Künstler nehmen die Dienste des Hauses Kraas in Anspruch, wie zum Beispiel der Spanier Gustavo, der über 20 Jahre in Berlin lebte und arbeitete. Für Schaar ist die Arbeit mit dem edlen Material eine Leidenschaft. „In den vielen Jahren im Job habe ich fast nie etwas bearbeitet, mit dem ich nichts anfangen konnte.“

Früher arbeiteten einmal 24 Mitarbeiter in der Bildgießerei, jetzt gibt es nur noch zweieinhalb Stellen. Schaar sitzt auch oft allein in der Werkstatt. 1990 zog die Firma in die Schlesische Straße in Kreuzberg. Das Umfeld hat sich verändert. Nebenan werkeln keine Handwerker mehr, schicke Designbüros sind in die umgebauten Hinterhöfe gezogen.

Wenn bei Kraas nicht restauriert oder für Künstler gegossen wird, arbeiten die Handwerker an der „Kollektion Kraas“. Im kleinen Büro und im Eingang stehen etliche Bronzefiguren. Zwischen 1000 und 1200 Modelle vom Brieföffner über den Zaunkönig bis hin zum Kirchenleuchter können hier abgegossen werden. Eine etwa 40 Zentimeter hohe Pferdeplastik aus der Kollektion Kraas kostet in der Herstellung etwa 1500 Euro. „Im Laden steht sie dann für 3500“, sagt Schaar.

Ein Bronzeobjekt nimmt etwa sechs Wochen in Anspruch. Die Bronze wird vom Kunstformer in eine speziell angefertigte Form gegossen; danach wird die Form um den so genanten Rohguss zerstört. Der Ziseleur – heute Metallbildner genannt – gibt der Figur ihre feineren Formen. Zum Schluss, bei der Patinierung, wird die Oberfläche der Skulpturen veredelt. Mit verschiedenen Schwefel-Verfahren können Farbtöne von hellbraun bis tiefschwarz gestaltet werden. Allerdings haben sie im Freien wenig Bestand, weil die Bronze mit den Stoffen in der Luft reagiert und sich so verändert.

Trotz der schwachen Auftragslage ist Klaus-Dieter Schaar froh, das Unternehmen übernommen zu haben. Er will die alte Tradition unbedingt fortsetzen. „Auch wenn ich denke, die Lage ist schwierig, ergibt sich immer wieder etwas.“

www.bildgiesserei-kraas.de

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