Altkanzler : Der ultimative Wiedergänger Helmut Kohl

Wie der Altkanzler und seine Familie die Nation immer noch beschäftigen - mit peinigenden Auftritten und diversen Erinnerungsbüchern.

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Familienaufstellung. Die Kohls 1974 in Oggersheim, links Peter, rechts Walter. Foto: Imago
Familienaufstellung. Die Kohls 1974 in Oggersheim, links Peter, rechts Walter. Foto: ImagoFoto: IMAGO

Vielleicht war es in den frühen achtziger Jahren, als die Generation der Babyboomer, die später unter den verschiedensten Bezeichnungen wie „X“, „Golf“ oder „Umhängetasche“ ihr Coming-Out erleben sollte, das erste Mal wählen gehen durfte, vielleicht also war es für diese Generation wirklich so, wie es der Ruhrpott-Schriftsteller und Komiker Frank Goosen in seinem 2001 veröffentlichten Roman „Liegen lernen“ den Helden mit dem beziehungsreichen Namen Helmut sagen lässt: „Wir waren dagegen. Gegen Kohl. Aber wir sagten es keinem.“ Und vielleicht stimmt genauso, dass viele aus dieser Generation es mit Frank Goosens Helmut hielten, als ein paar Jahre später die Mauer fiel und Helmut Kohl die Wiedervereinigung zügig vorantrieb: „Na gut, das war schon alles bemerkenswert, aber irgendwie war es nur Fernsehen.“

Ganz sicher jedoch ist, dass dieser Generation der in den mittleren sechziger Jahren Geborenen auch in den neunziger Jahren vor allem ein Politiker machtvoll, schwerfällig und unbeeindruckt im Weg herumstand: Helmut Kohl, der Kanzler erst der geistig-moralischen Wende, dann der Kanzler der Wiedervereinigung. Wie sehr sie gegen den ewigen Kohl war, wie sehr der ewige Kohl ihr egal war, wie gut und frei sie unter dem ewigen Kohl gelebt hat, wie viel Schaden sie in der Zeit unter Kohl genommen hat, darüber hat diese Generation dann im neuen, bewegten, hochpolitischen Jahrtausend vielfach und irgendwie erleichtert Auskunft gegeben. Der ewige Kohl schien weg zu sein, der Parteispendenskandal tat sein übriges, und der Selbstmord seiner Ehefrau Hannelore war dann ein tragisches, für Helmut Kohl zusätzlich unrühmliches Nachspiel.

Doch weit gefehlt. Helmut Kohl, so wirkt das in diesen Tagen des Jahres 2011, ist dieser Generation (und nicht nur dieser) immer noch schwerfällig, machtvoll und unbeeindruckt im Weg, wenngleich inzwischen schwer krank im Rollstuhl sitzend. Er beschäftigt uns weiterhin aufs Intensivste. Ja, man könnte einen regelrechten  Verfolgungswahn entwickeln. Kohl ist der ultimative Wiedergänger Deutschlands, er bleibt der ewige Kohl. Nicht nur, dass er in regelmäßigen Abständen seine Erinnerungen veröffentlicht und er es sich nicht nehmen lässt, wie auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse, diese persönlich vorzustellen. Ganz ungeachtet der Tatsache, dass ihm das Sprechen schwerfällt, dass er oftmals kaum zu verstehen ist, dass seine Auftritte etwas Peinigendes haben, dass er rührend bemitleidenswert wirkt.

Helmut Kohls Karriere
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16.06.2011 11:02Nach dem für viele überraschenden Zusammenbruch der DDR 1989 kommen Kohl die guten Beziehungen zu den westlichen Verbündeten...

Nein, es ist nun auch so, dass wir über ihn und vor allem über ihn als mehr oder weniger versagenden Familienmenschen so gut wie alles erfahren. Der ewige Kohl spielt nun gewissermaßen über Familienbande. „Leben oder gelebt werden“ heißt das Buch von Kohls Sohn Walter, das Anfang des Jahres veröffentlicht wurde und seitdem weit oben in den Bestsellerlisten steht, ähnlich stabil, wie Vater Helmut sechzehn Jahre die Bundesrepublik und das wiedervereinigte Deutschland regiert hat. Das Buch ist Aufarbeitung, Selbstvergewisserung, Befreiungsversuch und Abrechnung zugleich, Walter Kohl versteht es zudem als Versöhnungsangebot. Wer den Sohn bei verschiedenen Auftritten in Talkshows erlebt hat, konnte hören und sehen, dass hier die Psychotherapie ganze und vielleicht gute, hilfreiche Arbeit geleistet hat. Walter Kohl hat seinen Weg gefunden, neue Kraft, neue Energie, neue Lebensquellen, und die Nation hängt schaurig-fasziniert, verständnisvoll und kopfschüttelnd an seinen Lippen.

Dieser Tage nun, mit dem üblich großen medialen Begleitprogramm, kommen ein weiteres Mal Hannelore Kohl und ihr Schicksal über uns, mit einer Biografie, die der Journalist und einstige Kohl-Intimus Heribert Schwan geschrieben hat. „Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl“ steht bei Amazon schon auf Platz eins und demnächst wohl auch im analogen Buchhandel an der Spitze, eine Verfilmung ist ebenfalls geplant. Wieder die Kohls, eine deutsche Familie, wieder Hannelore, eine deutsche, zu Kriegsende durch eine Vergewaltigung schwer traumatisierte Frau, die später trotz zahlreicher psychischer und physischer Deformationen ihrem Mann den mächtigen Rücken freihielt – so wie es in ihrer Generation die Mehrzahl der Frauen tat. Und wieder Helmut, der Mann, der kaum an ihrer Seite war, der nicht zuletzt durch sein Schweigen in der Parteispendenaffäre, so sieht es Heribert Schwan, durch seine Weigerung, Namen zu nennen, Mitschuld am Freitod seiner Frau trägt.

Konnte man sich zu den Zeiten von Kohls Regentschaft nur politisch an ihm abarbeiten, an der politischen und gesellschaftlichen Kultur, die er maßgeblich geprägt hatte, so bekommt man nun mit den Büchern von Walter Kohl und Heribert Schwan die Familienaufstellung nachgereicht, den privaten Horror, all das, was schieflief – nicht nur in dieser Familie.

Die heile Familienwelt in Oggersheim (Ludwigshafen) und am Wolfgangsee, sie war nur Pose, eine Inszenierung. Aber konnte man davon nicht ausgehen? Alle Ahnungen von damals, all das, was in der Bonner und noch in den Anfängen der Berliner Republik aus Gründen der politischen Hygiene in den Medien weitgehend außen vor blieb, es bestätigt sich nun. Der einstige politische Riese, einer der großen Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, ein Scheinriese, ein Familienversager, ein kalter Machtmensch sowieso, aber auch gegenüber den Kindern und der Frau zu kaum einer Herzenswärme in der Lage.

Na und, könnte man sagen, solche Menschen gibt es halt! Nur sind sie in der Regel nicht so lange Kanzler, werden nicht mehrmals wiedergewählt und beeinflussen nicht mehrere Generationen, entweder in ihrer politischen Verdrossenheit oder weil sie sich, die Älteren, in einer Figur wie Kohl, einer Familie wie der Kohl’schen wiedererkennen. Helmut Kohl, das könnte man auch sagen, ist im wiedervereinigten Deutschland noch immer unbewältigt, so überwältigend er von Statur und politischem Einfluss war.

 Wie soll er auch, bei den Widersprüchen: Kanzler der Einheit hier, widerborstiger, bis heute sich ausschweigender Hüter der schwarzen CDU-Kassen dort; ein Mann, der jahrzehntelang die familiären Werte im Munde geführt hat, nach Lage der Dinge und den Büchern von Sohn Walter und Schwan sich selbst aber außerstande sah, diese Werte in die Tat umzusetzen. Ein elder statesman wird schon lange nicht mehr aus ihm, was etwas sehr Tragisches, Bemitleidenswertes hat. Und: Gegen Kohl zu sein, fällt heute leichter denn je. Nur ohne die Kohls zu sein, davon sind wir noch weit entfernt.

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