Altmeister : Fischer-Dieskau fordert mehr Emphase

Dietrich Fischer-Dieskau lädt zum Meisterkurs in der Universität der Künste. Der 85-Jährige sprüht vor Energie.

Daniel Wixforth

Der Mann ist eine lebendige Gegenbewegung. Binnen vier Tagen wird er, der Bariton, den Tenor der letzten Wochen Lügen strafen.

„Amtsmüdigkeit“ heißt dieser Tenor, der die Abtritte von Roland Koch und allen anderen begleitete, die ihres öffentlichen Berufslebens plötzlich überdrüssig geworden sind und suggeriert haben, dass jede berufliche Leidenschaft irgendwann zu Ende sein sollte.

Dietrich Fischer-Dieskau kennt Derartiges nicht. Keine Spur von Müdigkeit, als der 85-Jährige die Bühne in der Universität der Künste betritt. Im Gegenteil: Sofort meint man ein unbändiges Verlangen nach Arbeit, eine Sehnsucht nach Publikumskontakt zu erkennen. „Wer hat Lust anzufangen?“, fragt der Altmeister. Es klingt freundlich und auch ein wenig bedrohlich. Vier Tage lang gibt Fischer-Dieskau einen öffentlichen Meisterkurs für junge Sänger und Pianisten. Den Liedkompositionen Robert Schumanns ist der Auftaktkurs gewidmet. Schumann, der in jeder neuen Komposition „das Äußerste an Eigenheit“ gewagt habe, bei dem man „als Hörer jedes Mal andere Eindrücke“ gewinne. Fischer-Dieskau erklärt, während die ersten Studenten schon nervös auf der Bühne stehen. Auch hier schwingt so etwas wie eine anstachelnde Drohung mit.

Ihm fehle bei den jungen Leuten oft die Emphase, die Begeisterungsfähigkeit, hat der Altmeister 2005 in einem Tagesspiegel-Interview gesagt. Emphatisch ist auch das erste Studentenduo nur bedingt. Dass der Professor dennoch zufrieden ist, erkennt man leicht: Er lässt sie „Die beiden Grenadiere“ ohne Unterbrechung singen. Erst danach kommt die Kritik: „Du singst die Stelle viel zu gesund, das sind deine letzten Worte vor dem Tod!“, ruft Fischer-Dieskau. Auch die Klavierbegleitung wird jetzt auseinandergenommen. „Steht da nur Adagio? Das ist typisch! Immer wenn es schwierig wird, lässt Schumann uns alleine.“

Detailversessen arbeitet Fischer-Dieskau die kurzen Lieder durch, kaum ein Duo darf im Folgenden mehr als vier Takte zusammenhängend darbieten. Wenn er Talent erkennt, springt der Lehrer affirmativ auf, stellt sich vor die Sänger und schmettert ihnen den Text ins Gesicht. Auf der anderen Seite gibt es die Studenten, von denen er nicht angetan ist. Er spart dann seine Energie, bleibt sitzen, gibt nur trockene Kommentare. „Mit Vibrato! Strengen Sie sich mal ein bisschen an, brüllen kann jeder“, heißt es bei einer Studentin, die ihm Schumanns „Lust der Sturmnacht“ zu lustlos singt.

Als Zuschauer wünschte man sich vom schriftstellerisch umtriebigen Musikkenner Fischer-Dieskau hier und da mehr große Zusammenhänge. Was zeichnet Schumanns Liedkompositionen ästhetisch aus? Wie deutet die Musik den Text? Solche Analysen spart sich der Bariton. Obwohl er seit 18 Jahren nicht mehr auf der Bühne singt, ist er nun als Sänger gekommen, nicht als Musikerklärer. Für die Studenten ist das Ehre und Herausforderung zugleich. Daniel Wixforth

Am 22. und 23.7. unterrichtet Fischer- Dieskau noch jeweils von 16–19 Uhr im UNI.T-Theater der UdK, Fasanenstraße 1b, Eintritt: 8 €, ermäßigt 4 €.

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