Kultur : Altmeister, weltbürgerlich

David Bowie spielt in Berlin furios auf und ruft seine „Hereos“-Phase in Erinnerung

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„Der einzige Grund, warum wir hier sind“, sagt der Mann im engen, blau-melierten Anzug, „ist, dass wir eine fröhliche Zeit haben werden.“ Und er lacht so gelöst in die johlenden Ränge der Berliner Max-Schmeling-Halle, dass man sicher ist, er wird seinen Teil dazu beitragen. Wenn David Bowie in die Stadt zurückkehrt, in der er von 1976 bis 1979 lebte, dann ist das, als würde er eine verflossene Geliebte wiedersehen. Und das kann auch peinlich sein.

Äußerlich erinnert nichts mehr an den bleichen, zornigen Mann, als der Bowie nach den exzessiven Glamrock-Eskapaden in der Mauerstadt nach neuen Inspirationsquellen suchte. Seine blonden Haare, seine Kleider, seine joviale Gelassenheit verströmen den Charme des New Yorker Weltbürgers, Kunstliebhabers und wohlhabenden Edelmanns. Und doch treibt ihn eine diebische Freude an die Wurzeln dessen zurück, was sich in Alben wie „Low“ oder „Heroes“ niederschlug.

In Berlin präsentiert Bowie das dreiteilige Programm seiner Kurz-Tournee, das hier für eine DVD-Produktion mitgeschnitten wird, nicht zum ersten Mal. Schon in Köln und Montreux hatte der 55-jährige Musiker diesen Parforce-Ritt durch sein ausuferndes Gesamtwerk gewagt. Hatte die fast endlose Reihe seiner Hits von „Let’s Dance“, über „China Girl“ bis „Survive“ mit Songs seiner letzten Platte „Heathen“ so geschickt vermischt, dass Bowies lyrische, ätherische Ader wunderbar zum Vorschein kam. Doch in Berlin fügt er dann weite Passagen des „Low“-Albums ein, rekonstruiert mit modernster Synthesizer-Technik, was Brian Eno und er unter dem Einfluss der deutschen Elektro-Aventgarde auf antiquierten Geräten zusammengebastelt hatten – hypnotische Instrumentals wie „Subterraneans“. Als er dessen Idee einer hinter der Mauer versteckten („locked“) Musik erläutert, als die ihm damals der DDR-Jazz erschienen war, ruft jemand: „Nothing was locked.“ Am Ort ihres Ursprungs sind Empfindungen manchmal am wenigsten verständlich.

Bowie hört den Protest nicht. Er bewegt sich ohnehin auf einer anderen, hyperrealen Ebene, deren Witz und Spielfreude an diesem Abend niemand stoppen könnte. So kreist er über die schlichte, nur mit einem roten Wandbehang und den Leuchtbuchstaben seines ns dekorierte Bühne, herzt seine junge, kahlköpfige Bassistin, die neben drei missmutigen Rockgitarristen als einzige etwas vom schillernd-erotischen Bowie-Pop ausstrahlt. Die Zeiten sind auf wundersameweise in ihm gespeichert. So singt er „Ziggy Stardust“ mit derselben kreischenden Ziggy-Stardust-Stimme, mit der er den Glitter der Hippie-Ära verulkte. Erst nach zweieinhalb Stunden geht die Band von der Bühne. Kein bisschen erschöpft. Aber endgültig: „We had a fucking great night“, sagt Bowie und lockert die Krawatte. Kai Müller

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