• Alzheimer: Experte Lutz Frölich über den Blick der Wissenschaft auf die Seelenlage Erkrankter

Kultur : Alzheimer: Experte Lutz Frölich über den Blick der Wissenschaft auf die Seelenlage Erkrankter

Alzheimer - ist das ein Schicksal der Gene?

Lutz Fröhlich (45) ist Arzt an der Uni Frankfurt. Er untersucht den Einfluss von Bildung auf Alzheimer.

Alzheimer - ist das ein Schicksal der Gene?

Nein - zumindest kein Schicksal in dem Sinne, dass es etwas Unbehandelbares darstellt. Und es liegt auch sicher nicht nur in den Genen. Es liegt im Gehirn. Dort findet eine Stoffwechselstörung statt, die vielfältige Ursachen hat. Bei zehn Prozent der Erkrankten gibt es einen klaren genetischen Einfluss. Aber bei 90 Prozent ist es sehr unklar, welche Rolle die Gene spielen.

Spielt die Umwelt eine Rolle?

Ja. Es ist inzwischen gut belegt, dass geistige Aktivität einen schützenden Effekt auf Alzheimer hat. Bildung, berufliches Niveau, Freizeitaktivitäten - das sind alles Faktoren, die einen Einfluss auf die Krankheit haben.

Welche Freizeitaktivitäten helfen?

Man hat zum Beispiel Leute, die in ihrer Freizeit besonders sozial eingebunden und engagiert sind, mit einer Gruppe von Menschen verglichen, die eher wenig aktiv waren. Die Aktivitäten gingen von Vereinssachen bis hin zu kirchlichem Engagement - Dinge, bei denen man in Kontakt mit anderen Menschen kommt. Und da zeigt sich, dass diejenigen, die da aktiv sind, weniger an Alzheimer erkranken.

Hat die Ernährung einen Einfluss?

Ernährung ist ein Faktor, der vielleicht den Verlauf der Erkrankung mitbestimmt. Man kann aber nicht sagen: Wenn wir dies essen, hilft das gegen Alzheimer. Eine gewisse schützende Wirkung hat das Vitamin E, indem es chemische Alterungsprozesse "abfängt". Aber für eine "Alzheimer-Diät" gibt es keine abgesicherten Erkenntnisse.

Können Sie sich in die Innenwelt eines Erkrankten hineinversetzen?

Bis zu einem gewissen Grad ja, und ich glaube, es ist schrecklich. Die Patienten spüren eine enorme Angst, weil sie merken, dass da etwas Schlimmes mit ihnen passiert. Sie reagieren mit Depressionen - wie man häufig auf eine überwältigende Situation, die man nicht positiv beeinflussen kann, mit Depressionen reagiert. Es ist ganz wichtig, das zu berücksichtigen und zu behandeln.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Ganz neu ist die Perspektive einer Impfung, die bei Mäusen bereits zu funktionieren scheint. Jetzt laufen die ersten Impfuntersuchungen an kleinen Gruppen von Patienten.

Wird Alzheimer heilbar sein?

Im Moment können wir die Krankheit behandeln - und das ist für Patienten und ihre Angehörigen extrem wichtig. Die Zeiten völliger Hoffnungslosigkeit sind vorbei. Zurzeit können wir die Krankheit verzögern. Die Immunisierungsversuche sind zwar ein großes Heilsversprechen. Aber erst in zwei, drei Jahren werden wir wissen, ob sie ihr Versprechen halten.

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