Kultur : Alzheimers Rache

WOLFGANG KRALICEK

Nach der lang und bang erwarteten Burgtheater-Premiere von Peter Handkes "Fahrt im Einbaum" wurde auch im Wiener Volkstheater das neue Stück eines in den 40er Jahren geborenen Kärntner Autors uraufgeführt. Weil Gert Jonke aber nicht den Balkan, sondern nur den eigenen Kopf bereist, waren im Vorfeld der Premiere weder Auszüge aus dem Stück noch exklusive Reisetagebücher erschienen. Der mit Prosabänden wie dem "Geometrischen Heimatroman" oder der "Schule der Geläufigkeit" bekanntgewordene Jonke schreibt in letzter Zeit häufiger auch Theatertexte; zuletzt war im vergangenen September zur Wiedereröffnung des Klagenfurter Stadttheaters das Opus magnum "Es singen die Steine" (mit Ulrich Wildgruber) herausgekommen. Um die "Entdeckung" des Dramatikers Jonke hat sich besonders das Wiener Volkstheater verdient gemacht, wo nach "Opus 111" (1993) und "Gegenwart der Erinnerung" (1995) nun in Koproduktion mit den Wiener Festwochen bereits die dritte Jonke-Uraufführung über die Bühne ging.

"Insektarium" ist eine Sammlung von einem Dutzend absurder Miniaturen, wobei der Titel sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn zu verstehen ist: Insekten als solche spielen nur in zwei Szenen eine (allerdings entscheidende) Rolle, bei allen Szenen aber handelt es sich um vom Autor sogenannte "Textinsekten"; Jonke meint damit, daß die Texte unter der Oberfläche ein Eigenleben führen - dementsprechend unberechenbar sind sie dann auch. So wie eine Wand, in der Termiten hausen, irgendwann zusammenbricht oder ein von Motten befallener Mantel irgendwann mal auseinanderfällt, so nehmen auch Jonkes "Textinsekten" immer wieder ganz unerwartete Wendungen.

Die Worte machen, was sie wollen, im schlimmsten Fall wollen sie aus dem Kopf einfach nicht mehr auf die Zunge gelangen: Einer Frau will der Name des heimatlichen Lesachtales ebensowenig über die Lippen kommen wie jener des "weltberühmten Dichters", mit dem sie gerade spricht und der tot umfällt, als er realisiert, daß er selbst nicht mehr weiß, wie er heißt. Simpel rationale Erklärungen wie Alzheimer sind in diesem Fall beunruhigenderweise auszuschließen. In einer anderen Szene demonstriert ein Mann am Beispiel nicht vorhandener Vogelschwärme so überzeugend seine sagenhaften Fähigkeiten im Dirigieren von Vogelschwärmen, daß seine Begleiterin diese irgendwann tatsächlich zu sehen vermeint. Des weiteren ist unter anderem von Seiltänzern die Rede, die in der Luft gehen können, von einem "Körperoberflächensäuberungsseifenlösungsprodukt", das den ganzen Körper zum Lachen bringen kann, und von Köpfen, die zu Radiosendern mutieren.

Spinnen sind keine Insekten. Dennoch kann man Jonkes Szenen ruhig als versponnen bezeichnen, was dann aber auch bedeutet, daß sie sich gefährlich nahe am Wahnsinn bewegen. Darin erinnern sie an die Minidramen des russischen Absurden Daniil Charms; wie diese sind sie nicht ganz leicht auf die Bühne zu übersetzen. Der Regisseur Michael Kreihsl, der vor Jahren mit einem Charms-Abend im Burgtheater-Vestibül debütierte, verzichtet richtigerweise darauf, die Szenen zu "erklären"; in einem betont provisorischen Bühnenbild (Siegfried E. Mayer) ist es ganz den Schauspielern überlassen, die mehr oder auch minder originellen Kopfgeburten "sichtbar" werden zu lassen. Das machen die meisten von ihnen gar nicht schlecht; aber wenn es darum ginge, im Witz auch den Wahn spürbar zu machen, bleibt es dann doch beim Harmlos-Skurrilen.

Gert Jonke - da trifft er sich wieder mit Peter Handke - ist eigentlich gar kein Dramatiker, sondern ein Dichter. Soll heißen: Er schreibt nicht für das Theater, er benützt das Theater für seine Poesie. Einmal ist im "Insektarium" von einer Welt die Rede, in der die Dinge nicht mehr ausgesprochen, sondern ausgeschwiegen werden, "was als viel besser verständlich erkannt wurde". Mit dem Paradoxon, vom Unaussprechlichen zu sprechen, muß das Theater fertigwerden. Es ist ihm schon besser, aber auch schon schlechter gelungen als an diesem Abend.

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