Kultur : Am Anfang der Welt

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Thomas Lackmann über

die Angst vor der Veränderung

Der steinerne Löwe, uraltes Symbol der Weisheit und Kraft, wacht über dem neobarocken Portal in der Jägerstraße Nr. 2/3 seit Errichtung des Hauses anno 1892. Offenbar haben die Bauherren damals ihre Gründe gehabt, ein neobarockes Gebäude zu errichten. Damals traf sich hier im „Club von Berlin“ die Herren-Elite der Reichshaupstadt; seit zwei Jahren residiert daselbst die Hamburgische Landesvertretung. In deren Vortragssaal spricht, als Gast des 1994 neu belebten „Clubs von Berlin“, der Historiker Dan Diner. Der Deutsch-Israeli hat sich durch seine Analysen der Erinnerungspolitik im Kontext europäischer Geschichte einen glänzenden n gemacht. Begrüßt wird er am Rednerpult mit einem Otto-Lilienthal-Zitat über den ewigen Frieden, welcher sich bestimmt einstellen werde, sobald erst der Mensch alle Staatsgrenzen überfliegen könne und sie damit überflüssig mache. Diner aber referiert an diesem Abend über „Verwandlungen“ und „Verwerfungen der Tradition nach dem 11.September“ – und vollführt, wie ein geflügelter Löwe unter verblüfften Passanten, seinen Flug durch die Jahrhunderte.

Aus dieser Perspektive sind die Weltgeschichte und ihre rätselhaften Unterschiede zwischen Orient und Okzident fast zu verstehen: ein Publikumsbedürfnis, das nach dem Schock des 11.Septembers sehr groß geworden war. Doch Diner lässt auch Fragen offen. Zwar definiert er Amerika ohne Abstriche „als die bürgerliche Gesellschaft ohne Staat“ (Hegel), als „Gemeinwesen ohne historisches Gedächtnis“, in dem jede Religion zur Konfession und somit individualisiert werde. Warum aber verweigerte sich die im Mittelalter auf allen Gebieten führende islamische Fortschrittsgesellschaft der Entwicklung in den technologisch produktiven, säkularen Pluralismus? Das Rätsel lösen mag der Referent nicht, er nennt Theorien: So habe das arabische „Bürgertum“ um die erste Jahrtausendwende nicht mehr in Zukunftsprojekte investiert, sondern in Immobilien, und seine Söhne lieber Beamte werden lassen. Auch gebe es in den muslimischen Städten der „Sackgassengrundrisse“ kaum Plätze für eine politische Öffentlichkeit. Vor allem aber sei die andere Entwicklung des Westens aus dem Kaiser/Papst-Dualismus zu verstehen. Eine Zerrissenheit, die zur Entscheidung zwang – „die Geburtsstunde der Freiheit“.

Am Vortragspult hängt eine Tusche-Collage aus dem Zyklus „Beginning of the World“. Das Werk des Chinesen Qiu Deshu – Titel: „Cleft of Change“ – zeigt Berge, Wolken, Licht, einen Fluss. Wenn es um die Ablösung autoritärer Regime in muslimischen Staaten gehe, sagt Dan Diner, „ geben wir vor jeder Veränderung der Stabilität den Vorzug“. Die Perspektive dieser Wandlungen gehe „weit über unseren biologischen Zeithorizont hinaus“. Für einen Moment flammt, wie Wetterleuchten, das Erinnern an die Untergangspanik des letzten Herbstes auf. Die Kluft der dramatischen Veränderungen hat sich gnädig wieder geschlossen. Die Welt darf vorerst, ungefähr, bleiben, wie sie ist. Die Geburtsstunde der Freiheit liegt weit zurück. Der Löwe steckt den Kopf in den Sand.

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