Kultur : Am Anfang vom Ende

Mark Wallinger und sein Minimal-Video in der Berliner Galerie Carlier Gebauer

Daniel Völzke

Am Anfang war das Ende. Dann war da noch das Wort, und das Wort lautete „The End“ und prangte weiß auf schwarzem Grund. Jetzt setzt Musik ein, der Abspann rollt. „Gott, Adam, Eva, Kain, Abel, Henoch, Irad, Mehujael, Metuschael, Lamech, Adah ...“ Über 1800 Namen in der Reihenfolge ihres Auftretens im Alten Testament. Angaben zu Darstellern fehlen. Der Film, der hier gerade lief, so scheint es, war nicht eine Adaption der Bibel, sondern eine Dokumentation der in der Heiligen Schrift beschriebenen Geschehnisse selbst. Schade, die hätte man doch zu gern gesehen.

Der britische Künstler Mark Wallinger walzt in der Galerie Carlier Gebauer mit „The End“ (69 550 Pfund Sterling, 3er-Auflage), der nur aus diesem Abspann besteht, in zwölf Minuten einen Scherz aus, der einem nicht unbekannt vorkommt. Man mag an Francesco Vezzolis Trailer zu dem noch zu drehenden Film „Caligula“ denken, der Besucher der vergangenen Biennale in Venedig in gute Laune versetzte. Oder an das Musikvideo von Spike Jonze für die Beastie Boys, das den Vorspann einer trashigen TV-Serie parodiert. Wallinger hat sich immer wieder mit biblischen Sujets auseinandergesetzt, zurzeit ist im Hamburger Bahnhof sein Video „Via Dolorosa“ (2002) zu sehen, in dem der Künstler einen schwarzen Block über Franco Zeffirellis „Jesus von Nazareth“ legt. Während diese Arbeit sich noch mit einigem Ernst der Frage nach der Darstellbarkeit religiöser Phänomene annimmt, wirkt „The End“ wie eine humorvolle Fingerübung. Wie eine Atempause zwischen all den großen Projekten. Denn der ehemalige „Sensations“-Künstler, der in diesem Jahr zum zweiten Mal für den Turner-Preis nominiert wurde, ist gefragt wie nie. Bei den aktuellen Skulptur Projekten in Münster hat Wallinger mit einer langen Schnur ein Stück Stadt abgetrennt und will mit dieser Markierung an den Eruv erinnern – einen Bezirk, in dem orthodoxe Juden auch am Sabbat bestimmte Arbeiten verrichten dürfen. „Sadok, Achim, Eleaza, Jakob, Josef, Maria, Jesus“ – unauffällig überschreitet auch die Namensliste am Ende von „The End“ eine Grenze, zwischen Altem und Neuem Testament, vom jüdischen zum christlichen Glauben. Das Licht geht an, ein Augenblick der Erhabenheit. Daniel Völzke

Galerie Carlier Gebauer, Holzmarktstr. 15-18; bis 28. 7., Di-Sa 11-18 Uhr.

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