Kultur : Am Anfang war der Kaffee

Steffen Richter

sucht den Geist im Glas „Weißwein“, erklärt uns Raimund Pretzel, „ist eine Ermunterung zum Leben; Rotwein ist ein Ersatz für das Leben.“ Solche Sätze stiften zum Grübeln an. Was macht, existenziell gesehen, den Unterschied zwischen Pils und Weizenbier aus? Sind Cocktails ein Getränk oder eine Lebenseinstellung? Bei Pretzel erfährt man, dass Tee die Mutter der Konversation und des Feuilletons sei, Kaffee aber der Vater der Diskussion und des Romans.

Viel gibt es bei Pretzel zu lernen: über Abreißkalender, Telefon und Kintop. Wenig ist von Politik die Rede. Und das, obwohl seine Beobachtungen aus den Jahren 1933–38 stammen. Gedruckt wurden sie in der „Vossischen Zeitung“, dem Modejournal „Die Dame“ und der „Koralle“, einer „Wochenschrift für Unterhaltung, Bildung, Lebensfreude“. Die Politikabstinenz erstaunt umso mehr, als Pretzel kein anderer ist als Sebastian Haffner , der große Historiker und politische Kommentator späterer Zeiten. Sein aus dem Nachlass herausgegebenes „Leben der Fußgänger“ (Hanser) versammelt Feuilletons, in denen Haffner geistreich und sprachgewandt über den Vorkriegsalltag in Nazideutschland plaudert – bevor er selbst den Gang in die Londoner Emigration antritt. Dort erst hat er sich das Pseudonym Sebastian Haffner zugelegt.

Wohl angesteckt vom Athener Olympia-Fieber, stellt sich das Literaturhaus (Fasanenstr. 23, Charlottenburg) einer fast sportlichen Herausforderung. Von heute an bis zum 1.9. liest die Schauspielerin Ursula Temps allabendlich, mit Ausnahme des Wochenendes, aus Haffners Spazier-Feuilletons (jeweils 21 Uhr). Also ein veritabler Lesemarathon. Doch schließlich ist Haffner als Berliner Spaziergänger ein Verwandter des Pariser Flaneurs.

Am Wannsee wird indes ein anderer Emigrant gefeiert, der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz , der in Romanen wie „Ferdydurke“ oder „Pornographie“ und vor allem in seinem „Tagebuch“ dem Jahrhundert den Puls gefühlt hat. Aus Anlass des 100. Geburtstages des großen Skeptikers am 4. August hat der polnische Sejm das Jahr 2004 zum „Witold-Gombrowicz-Jahr“ erklärt. Am LCB (Am Sandwerder 5) lesen und diskutieren am 18.8. die Übersetzerin Elke Wehr und ihr Kollege Olaf Kühl das Werk Gombrowiczs (20 Uhr).

Doch nicht nur für Gombrowicz waren Lateinamerika und Frankreich wichtige Orte der Emigration. In Paris erzählt Anna Seghers in „Das siebte Kreuz“ die Geschichte Georg Heislers, dem als Einzigem die Flucht aus dem KZ Westhofen gelingt. Gedruckt wurde der Roman 1942, als Seghers bereits in Mexiko war. Nun liest die Schauspielerin Hannelore Elsner aus diesem Klassiker der deutschen Exilliteratur. Und zwar im Rahmen des Kultursommers im Jüdischen Museum (Lindenstraße 9-14, Kreuzberg). Zuhören kann man am 18.8. um 20 Uhr. Laut Haffners „Getränkologie“ müsste es dazu Kaffee geben.

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