Kultur : Am Anfang war die Koralle

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp sucht das Urbild der Evolution

Christina Tilmann

Ist eine Koralle ein Kunstwerk? Spätestens dann, wenn sie in den musealen Kontext einer Kunst- und Wunderkammer gelangt, behauptet der Kunsthistoriker Horst Bredekamp in seinem Essay „Darwins Korallen“: nicht das Objekt entscheidet, sondern die Qualität des Blicks darauf. Was im übrigen auch für Bredekamps Forschungen gilt, die sich dem „Frühling“ von Botticelli gewidmet haben und dem Fußball im Florenz der Renaissance, der Baugeschichte von St. Peter in Rom, dem Leviathan des Thomas Hobbes wie eben auch der Kunst- und Wunderkammer. Nicht die Qualität des Sujets entscheidet, sondern die des Blicks, der darauf geworfen wird. Und da darf man bei Bredekamp immer sicher sein, einen außerordentlichen Wissenschaftskrimi zu verfolgen.

Es geht diesmal um das Grundbild der Evolutionstheorie. Der „Baum des Lebens“ aus Darwins Abhandlung „Origin of Species“ ist wohl das berühmteste Diagramm der Biologie. Als während einer Tagung ein Teilnehmer beiläufig erwähnte, Darwin habe für frühere Evolutionsdiagramme das Bild der Koralle gewählt, war Bredekamp elektrisiert. Nicht nur, weil die Baum-Metapher auch von Biologen angegriffen wird. Sondern auch, weil mit der Koralle sich durch die Hintertür etwas in die Evolutionstheorie schleicht, was von dort vertrieben schien: eine Selektion nach ästhetischen Gesichtspunkten.

„Wenn es zwei Fächer gab, die sich über Generationen hinweg methodisch angenähert hatten, so waren es Kunstgeschichte und Biologie“, lautet eine der Kernthesen Bredekamps, der seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Kunst und Naturwissenschaft forscht. Im Zentrum steht diesmal Charles Darwin. Darwin als Sujet kunsthistorischer Forschung? Der Biologe war kein Künstler: Die Skizzen, die er zur Verdeutlichung seines Systems anfertigte, sind denkbar ungeschickt. Gerade das, so Bredekamp, macht diese Zeichnungen wertvoll. Sie sind Beweis der allmählichen Verfertigung eines Systems beim Zeichnen. Und haben, jenseits der Erläuterungen, einen unschätzbaren Mehrwert. Denn im Bild schwingt mit, was Worte niemals fassen. Bilder, so Bredekamp, „repräsentieren andere Sphären, als die Sprache erreicht.“

Baum oder Koralle, Leiter oder Netz: Was sagt die Wahl des Bildes über den Gegenstand der Forschung? Zur Ausgangslage: Es ist 1858, Darwin steht kurz vor dem Durchbruch. Und er muss sich, wie alle Wissenschaftler seiner Zeit, entscheiden, in welche Form er seine Gedanken gießen will. Der Baum, von Forschern wie dem Heidelberger Zoologen Heinrich Georg Bronn und vor allem Alfred R. Wallace entwickelt, hat den Nachteil, dass er eine Hierarchisierung bedeutet: die einfachen Arten unten und oben der Mensch als Krone der Schöpfung. Auch sind Arten, die sich einander annähern, in Baumform schwer darstellbar: benachbarte Zweige wachsen selten zusammen. Und gänzlich unklar bleibt, wie man mit ausgestorbenen Arten umgeht: das Modell abgestorbener Äste, die auf den Boden fallen, dort verrotten und die Erde wieder befruchten, hat den Nachteil, dass die Krone schließlich ohne tragende Äste dastünde. Alles in allem: der Baum ist keineswegs ein ideales Bild. Nicht ohne Grund erinnern die Bäume, mittels derer noch Forscher wie Stephen Jay Gould ihre Ergebnisse darstellten, eher an Büsche.

Darwin hat das Problem der Hierarchisierung wie auch der ausgestorbenen Arten natürlich gesehen. Und ist zu dem Schluss gekommen: „Der Baum des Lebens sollte vielleicht die Koralle des Lebens genannt werden.“ Solche Korallen hat er während seiner Weltreise mit der H. M. S. Beagle 1834 in Patagonien gesehen und abgezeichnet. Korallen haben den Vorteil einer nicht-hierarchischen Struktur: die einzelnen Stränge verzweigen sich und wachsen wieder zusammen. Und: die abgestorbenen Stränge bilden versteinerte Formen. Wie das Netz oder in jüngerer Forschung das Rhizom bietet die Koralle den Vorteil einer in alle Richtungen erweiterbaren Ordnung. Die Biologie hätte anders ausgesehen, hätte Darwin den Korallenstrang weiter verfolgt.

Darwin jedoch hat sich für den Baum entschieden, aus niederen Motiven. Sein Konkurrent Wallace war 1858 mit einer Schrift hervorgetreten, in der er Darwins Evolutionsmodell nahe kam, und Darwin fürchtete, die Vorherrschaft zu verlieren. So ganz jedoch hat er die Zweifel nie verwunden. Noch in der Abhandlung „Origin of Species“ erwähnt er bei der Beschreibung seines Diagramms das Wort „Baum“ nicht ein Mal. Und dort, wo er rhetorisch brillant die Idee des Lebensbaums erläutert, bezieht er sich mit keiner Zeile auf das zentrale Diagramm. Mehr noch: unterlegt man, wie Bredekamp, einzelne Zweige des Diagramms mit der Zeichnung der Koralle aus Patagonien, findet sich eine Übereinstimmung bis in die kleinste Verästelung.

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Das ist detektivisch ingeniös und beweist: Die Koralle ist in Darwins Hirn weitergewuchert. Auch, weil er auf seiner Weltreise die Korallenriffs der Pfingstinseln als außergewöhnliche Kunstwerke erfahren hatte. Dass, jenseits des Survival of the fittest, ästhetische Wahrnehmungen entscheidend sind für Partnerwahl und Überleben, hat Darwin angesichts des so überflüssigen wie schönen Pfauenauges postuliert. Dass er selbst sich, in der Wahl zwischen dem Lebensbaum und der künstlerisch reizvolleren Koralle, im Herzen für die Koralle entschieden hat, ist für den Kunsthistoriker Bredekamp Zeichen der „anarchischen Kraft des Ornaments und des schöpferischen Überflusses“, der ehemals göttlichen, heute künstlerischen Schöpfung, die er durch die Hintertür wieder in die Evolutionstheorie einführt. Da schadet es auch nichts, dass die Koralle, die Darwin 1834 in Patagonien fand, in Wahrheit eine Alge ist.

Horst Bredekamp: Darwins Korallen. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin. 112 Seiten, 18,50 €.

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