Kultur : Am Beispiel meines toten Freundes

Sinngebung des Sinnlosen: Der Schriftsteller Uwe Timm erinnert sich an Benno Ohnesorg

Hannes Schwenger

Der Verlag wirbt für Uwe Timms jüngstes Buch „Der Freund und der Fremde“mit einer Startauflage von 100000 Exemplaren. Die Hälfte davon geht sicher aufs Konto des guten Namens, den sich Timm mit Romanen wie „Johannisnacht“ und „Die Entdeckung der Currywurst“ erschrieben hat. Die andere Hälfte geht wohl aufs Konto seiner Hauptperson Benno Ohnesorg, bis heute eine Ikone der Studentenbewegung. Er ist der Freund, von dem hier die Rede ist – und das nicht zum ersten Mal bei Uwe Timm.

Die lapidaren Sätze, mit denen Timms Erstling „Heißer Sommer“ 1974 den Tod Benno Ohnesorgs als Urszene der Studentenbewegung beschrieb, ließen nicht ahnen, was dieser Tote – tatsächlich sein Freund, wie wir jetzt erfahren – ihn anging. Im „Heißen Sommer“, einem Entwicklungsroman, tritt der Erzähler ganz hinter dem Protagonisten Ullrich Krause zurück, dessen Weg ihn von der Universität an die Seite der Arbeiterklasse führt – getreu dem Realismuskonzept, das damals im Umkreis der bundesdeutschen DKP vertreten wurde. Ohnesorg tritt darin nicht als Person auf: Das Pressefoto des Sterbenden eröffnet eine Galerie von Figuren, die alle Klischees von spießigen Kleinbürgern, autoritären Professoren, knüppelnden Polizisten, und guten Kommunisten bedienen.

Diesen Timm, diesen Ohnesorg hätten wir getrost vergessen können – und wir dürfen es auch, denn „Der Freund und der Fremde“ zeigt uns beide in einem ganz anderen Licht. Es ist das Licht der eigenen Erinnerung wie in Timms letztem Buch „Am Beispiel meines Bruders“, das er selbst als einen Versuch bezeichnet hat, „sich neu zu finden“. Darum geht es auch hier, am Beispiel seines Freundes Ohnesorg, mit dem er einige Studienjahre am Braunschweig-Kolleg verbracht und erste Schreiberfahrungen ausgetauscht hat.

Eine gemeinsam herausgegebene Zeitschrift mit dem Titel „teils-teils“ kam über die erste Nummer nicht hinaus. Man verlor sich aus den Augen, als Uwe Timm nach einem Paris-Aufenthalt nicht wie geplant zum gemeinsamen Studium nach Berlin kam, sondern nach München zog. „Es muss ihm als Verrat an unserer Freundschaft vorgekommen sein, was mir eine romantische Vorstellung war: die Trennung nach den langen Braunschweiger Gesprächen, um irgendwann einmal literarisch von einander zu hören, von einander zu lesen, und sich dann – erst dann – wiederzusehen. Eine Trennung als literarische Bewährungsprobe.“

Die hat nicht stattgefunden. Benno Ohnesorg starb am 2. Juni 1967 an einer Polizeikugel, ohne noch einmal publiziert zu haben; seine Frau Christa kannte von ihm nur ein einziges Gedicht und wusste auf Nachfrage „sonst von keiner anderen literarischen Arbeit“. Es stimmt schon, und Uwes Timms lange verdrängte Erinnerung an gemeinsame literarische Anfänge ändert daran nichts Wesentliches: „Nicht sein Leben und Schreiben sollte ihn bekannt machen, sondern sein Tod.“ Das klingt wie der letzte Satz einer Biografie, aber auch darum handelt es sich so wenig wie um einen Roman. „Der Freund und der Fremde“ ist nicht die Geschichte des Freundes, sondern ihre Rekonstruktion als eine Art Sinngebung des Sinnlosen. Mit den Worten des Autors: „Versuche, über ihn zu schreiben, um das Zufällige, das Absurde das in diesem Tod lag, zu zeigen.“

Das Stichwort führt zurück auf lange Debatten mit dem toten Freund über das Absurde bei Albert Camus und dessen Roman „Der Fremde“, auf den Timms Titel anspielt. „Unabweisbar“ habe sich ihm der Vergleich aufgedrängt: Meursault, der scheinbar grundlos einen messerbewehrten Araber erschießt, wird vom Staat zum Tode verurteilt, den Polizisten Kurras spricht der Staat frei mit der Begründung, es habe sich „um ein ungesteuertes, nicht vom Willen des Angeklagten beherrschtes Fehlverhalten gehandelt“. Auch Kurras fühlte sich irrig von einem Messer bedroht. Uwe Timm liest die Urteilsbegründung des Berliner Gerichts als eine merkwürdige Parallele zu der Begründung Benno Ohnesorgs, „die der Freund Meursaults Schüssen auf den Araber gegeben hatte – die Sonne, das Aufblitzen des Stahls, eine reflexartige Reaktion. Nur dass hier die staatliche Gewalt sich rechtfertigt, indem sie versucht, dem Sinnlosen einen Sinn zu oktroyieren, und den Todesschützen freispricht, was das Sinnlose umso empörender erscheinen lässt.“

In diesem Kontext ist für ihn am 2. Juni 1967 der Startschuss für die Revolte von 1968 gefallen: „Wie Camus durch seine Mitarbeit in der Résistance seinen Sinn fand, so fand sich Sinn in dem Protest gegen den Staat, den man, weil so viele der alten Staatsdiener noch im Amt waren, kurzsichtig als dem faschistischen ähnlich sah.“ Dass die Gleichsetzung von Résistance und Studentenprotest „kurzsichtig“ war, räumt er ein, um dann doch eine Rechtfertigung zu finden in der Revolte „gegen das Establishment, das von meiner Generation wie eine Besatzungsmacht empfunden wurde“.

Da ist er wieder bei sich angelangt, im heißen Sommer 1968, den der Freund nicht mehr erlebt hat. Umso müßiger ist die Spekulation, Timms eigener Weg in die politische Aktion wäre auch Ohnesorgs Weg gewesen, „wenn er nicht auf dieser Demonstration, bei dem ersten Versuch zu handeln, den Tod gefunden hätte.“ Timm weiß es besser, wenn er statuiert: „Er hat viel bewegt – als Opfer.“

Das klingt, obwohl Timm über weite Passagen Camus imitiert, am Ende nach linker Melancholie wie beim späten Stefan Hermlin, an dessen „Abendlicht“ die Erzählung motivisch und stilistisch zuweilen erinnert. Leider nicht nur im Guten, wenn Timm einen Sommerabend mit dem toten Freund heroisch verkitscht : „Als er geendigt hatte, sagte keiner von uns ein Wort, und wir sahen den Regen näher kommen, eine dicht fallende gesträhnte graublaue Front... Nicht vor Schreck, sondern innig beglückt standen wir und wurden in diese Flut eingetaucht.“ Nur Cinemascope ist schöner.

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Uwe Timm: Der Freund und der Fremde. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005. 176 Seiten, 16,90 €.


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