Kultur : Am Berliner Montmartre

KLAUS HAMMER

Die Galerie am Prater feiert ihr 25jähriges BestehenVON KLAUS HAMMERSie ist die zweitälteste kommunale Galerie im Berliner Osten.1973 in einem ehemaligen Gardinenladen an der Kastanienallee von Mitarbeitern des Kreiskulturhauses Prater und von Künstlern um den Maler Wolfgang Leber ins Leben gerufen, wurde die Galerie mit ihren drei Räumen vom Publikum wie von den Künstlern gleichermaßen angenommen.Hier, am Prenzlauer Berg, stellte man Künstler vom Berliner "Montmartre" vor, solche, die bereits im Umkreis der Berliner Schule hervorgetreten waren, und solche, die noch keine Öffentlichkeit hatten.Arbeiten auf Papier wurden neben Malerei und Plastik gezeigt, nach der Wende auch Fotografie, Objekte, Installationen. Die Galerie am Prater war keine alternative, sondern eher eine "Nischen"-Galerie.Zwar setzte man sich mit dem Staats-Dirigismus auseinander, mit der Stereotypie des Bilder- und Formen-Standards.Aber vor allem suchte man nach einer verpaßten europäischen Nachkriegs-Moderne, die jetzt im Osten Berlins aufzuleben begann.Man wollte Alltägliches verdichten und zu einem empfindsamen Realismus steigern.Kreativität und Innovation waren gefragt, die Balance zwischen Lokalem und Überregionalem sollte gewahrt werden; man konzentrierte sich auf Straßenräume, Landschaften seelischen Befindens, Porträts, Figuren- und Aktdarstellungen, wollte ebenso Traditionen ausloten wie experimentelle, widerspruchsvolle Gegenwartskunst bieten. An der Jubiläumsausstellung beteiligen sich mehr als 50 Künstler, deren Präsentationen im letzten Vierteljahrhundert den Ruf und die Qualität der Galerie mitgetragen haben.Es sind auch Werke aus den Nachlässen inzwischen Verstorbener wie Herbert Tucholski, Christa Böhme, Michael Diller oder Ernst Schroeder einbezogen worden.In typisch "russischer Hängung" (bis zu fünf Reihen übereinander) Arbeiten auf Papier, nur Lothar Böhmes "Halbakt" (1997) und der in melancholische Tristesse gehüllte "Gasometer" (1973) von Hans-Otto Schmidt, der bereits in der allerersten Ausstellung gezeigt wurde, bilden eine Ausnahme. Ist für Böhme das Prinzip der Reihung und Variierung weniger Motive Ausdruck für die Einmaligkeit, Unwiederholbarkeit existentieller Grundsituationen, erscheint bei Hans Vent der menschliche Körper als dramatisches Konfliktzeichen ("Hockende", 1997, Acryl, 1500 DM).In Wolfgang Lebers Aquarell "Gegenüber" (1995, 3000 DM) belebt sich der unterkühlte Konstruktivismus durch die sensitive Farbe.Bei Sabina Grzimek hingegen bedeutet die Annäherung an einen Gegenstand - "Häuserdächer in der Marienburger Straße" (Tusche, 1969, 2000 DM) - Aussparung; das Weiß des Papiers verwandelt sich in eine gleichberechtigte Bildform.Mit Teer und Sand erzeugt Veronika Wagner ganze Erosionslandschaften auf dem Papier, die durch wechselndes Licht zu immer neuen Wirkungen kommen (1997, 800 DM).Ein seltsam glühendes Licht irrlichtert in Manfred Butzmanns monochromen Hochmoorlandschaften Irlands (Aquarelle, 1996, je 2000 DM).Tumultuarisch läßt Joachim Bayer den Pinsel auf der Bildfläche tanzen, die sich in ein Kontinuum von Episoden verwandelt ("Fischkopf", 1996, Acryl, 2800 DM).Und Hanns Schimansky bringt mit Tusche schwarze Gebilde auf das Papier, eine Verschmelzung von Innen und Außen, als Schnittpunkt von Wahrnehmung und Vorstellung, von Objektivierbarem und Subjektivem (1997, 5000 DM). Ob minimalistisch oder konkret, poetische Metaphern verwebend, Mensch und Raum komponierend oder humorvoll erzählerisch - der Reichtum individueller Handschriften ist faszinierend.Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der die letzten 5 Jahre dokumentiert, sowie ein Band mit Eröffnungsreden aus 25 Jahren Galerie am Prater, vorgestellt am 27.April um 20 Uhr. Galerie am Prater, Kastanienallee 100, bis 3.Mai; Dienstag bis Freitag 14-20 Uhr, Sonnabend und Sonntag 16-20 Uhr.

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