Kultur : Am Ende des Jahrtausends herrscht Verunsicherung

Richard Herzinger

Der Weg in den Zufall. Fortschrittsoptimismus oder die Furcht vor Weltuntergängen gehörten zum Bewusstsein der Moderne. Doch beides hat seine Anziehungskraft verloren.Richard Herzinger

Obwohl wir von den Medien bis zum Überdruss auf den bevorstehenden Sprung ins nächste Jahrtausend eingeschworen werden, will kein richtiges Zeitenwende-Fieber aufkommen. Nicht einmal die zum Jahrhundertausklang eingetretene totale Sonnenfinsternis konnte nennenswerte prophetische Erregungszustände erzeugen. Der aufklärerische Eifer, mit dem die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Vorfeld des Ereignisses gegen mögliche Fehlinterpretationen der Weltverfinsterung ankämpften, erwies sich als überflüssig. Von einigen esoterischen Zirkeln abgesehen, will niemand mehr in Himmelszeichen Fingerzeige für die Zukunft der Menschheit erblicken. Die Sonnenfinsternis wurde zum Happening des Jahres, weil sie auf spektakuläre Weise Normalität signalisierte. Das Außergewöhnliche trat präzise in der Sekunde ein, die von den Astronomen vor langer Zeit errechnet worden war, und erwies sich als so harmlos, wie es die Wissenschaftler immer versichert hatten. Die von Nostradamus-Epigonen vorausgesagte globale Katastrophe blieb ebenso aus wie der Anbruch eines neuen Zeitalters von Frieden und Harmonie. Gefeiert wurde ein Event, das in seiner Faszinationskraft jede Multi-Media-Inszenierung übertraf. Dabei hatte es noch den Vorteil, ohne Produktionsmanagement und komplizierte technische Apparaturen auszukommen, somit garantiert störungsfrei und (sieht man vom geringen Preis der Spezialbrillen ab) kostenlos rezipiert werden zu können. Aber selbst in Stuttgart, wo es regnete und die freie Sicht auf die Schwarze Sonne verstellt war, urteilte ein kritischer Konsument stellvertretend für viele andere: Der Verlauf der düsteren Performance sei "einwandfrei" gewesen.

Gegen mystische Zeichen von oben und damit verbundene Endzeithysterien scheint die säkularisierte liberale Massengesellschaft weitestgehend immunisiert zu sein. In einer Zeit, da in unserer Lebenswelt alles ungewiss geworden ist, wirkt nichts so beruhigend wie eine immer gleiche, exakt bestimmbare Himmelsmechanik. Dies umso mehr, als einem die Naturgewalten sonst meist nur in Schreckensmeldungen über furchtbare Unwetter oder Erdbeben entgegentreten. Aber auch die apokalyptischen Aufwallungen, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren von den permanenten Warnungen vor dem Kollaps des Öko-Kreislaufs ausgelöst wurden, haben sich erschöpft. Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass das natürliche Gleichgewicht in der Erdatmosphäre grundsätzlich eine prekäre Sache ist, von jeher war und immer bleiben wird, und dass Störungen in diesem komplexen System selbst im Falle einer Umkehr der Menschheit zum einfachen Leben nicht ausgeschlossen werden können. Damit büßt die Umweltbewegung ihr heilsgeschichtliches Pathos und ihre sinnstiftende Rolle ein.

Immer weniger empfänglich wird die Gesellschaft jedoch auch für die Zukunftsverheißungen politischer und wissenschaftlich-technischer Fortschrittsideologien. Zwar gehen Politiker und Werbefachleute mehr denn je mit der emphatischen Kategorie "Zukunft" hausieren. Doch der inflationäre Gebrauch hat ihre Faszinationskraft verzehrt. Wenn mit jeder neuen PC-Generation oder jedem x-beliebigen verbesserten Automodell "die Zukunft begonnen" haben soll, wird der einstmals erhabene Begriff zur Ramschware. Parteien behaupten zwar unverdrossen, die "Zukunft zu sichern", unsere eigene und die unserer Kinder, und das Zauberwort "Modernisierung" soll noch einmal die Aufbruchsstimmung früherer technologischer Revolutionen wachrufen. Aber der Slogan transportiert keine politische und soziale Vision für die Gesellschaft. Er enthält eher den drohenden Unterton der Forderung, sich einer unausweichlichen, unbeeinflussbaren Dynamik anzupassen. Flexibler werde man sein müssen, eigenständiger, leistungsbereiter, grenzenlos weiterbildungsfähig. Aber wofür? Wem permanent erklärt wird, dass er nur bestehen könne, wenn er sich auf das Unvorhersehbare gefasst macht, dem kommt das Versprechen, man werde ihm eine sichere Zukunft garantieren, bald wie eine hohle, paradoxe Phrase vor. Die Erwartung einer besseren, jedenfalls anderen Zukunft bildete das Kernstück des Bewusstseins der Moderne. Im utopischen Denken und in den fortschrittsoptimistischen Geschichtsphilosophien war sie das vorwärts treibende Element. In der Ausrichtung auf die Zukunft wurde die Gegenwart zur Vorbereitungszeit auf das noch kommende, vollständige Dasein reduziert, verwandelte sie sich in die fortlaufende Vergangenheit der Zukunft. Andererseits wuchs die Angst vor noch unbekannten Schrecken, die in der Zukunft warteten, und trieb apokalyptische Visionen hervor: Der Vervollkommnung der Menschheit müsse zuerst der schreckliche, gleichwohl reinigende Zusammenbruch alles Bestehenden vorausgehen. Am Ende des 20. Jahrhunderts scheint dieses lineare Bewusstsein gebrochen. Früher verstand man Zukunft als die Fortsetzung einer Entwicklung, die man selbst bereits mitgestaltete und mitbestimmte. "Wie wir arbeiten, so werden wir leben", lautete einst eine DDR-Parole, die man ebenso in der Wirtschaftswunder-Bundesrepublik hätte plakatieren können. Heute hat der wissenschaftlich-technische Fortschritt ein solch rasantes Tempo angenommen, dass wir den Überblick über die Möglichkeiten, Segnungen und Gefahren verlieren, die er eröffnet, und kaum noch eine Phantasie darüber wagen, was in hundert Jahren sein könnte. Der Zusammenhang zwischen dem, was wir tun, und dem, was sein wird, scheint zerrissen - Unwägbarkeit, Kontingenz, drängt sich an die Stelle der Konsequenz.

Und dies ist nicht nur vordergründigen Entwicklungen geschuldet: Dass das Rentensystem kollabiert, Arbeitsplätze unsicher sind und das soziale Netz zerreißt. Es handelt sich um die grundlegende Erfahrung, dass das Zeitkontinuum gestört, die vertraute Struktur des Nacheinander von Abläufen durcheinander geraten ist. Diese Erfahrung betrifft alle, nicht nur die Älteren und die sprichwörtlichen Modernisierungsverlierer. Zukunft ist nicht mehr etwas, worauf man wartet, sondern was man schon hier und jetzt ausprobieren muß. Junge Unternehmer, die mit Anfang Zwanzig in der Medien- und Kommunikationsindustrie zu schnellem Erfolg kommen, stehen oft Mitte Dreißig vor der quälenden Erkenntnis, dass sie ihre erste Zukunft schon hinter sich haben. Technologien und Branchen, die im Augenblick noch als zukunftsträchtig gelten, könnten im nächsten Moment schon überholt sein. Zukunftsinvestitionen werden zu Trial- and Error-Expeditionen in die "Wirtschaft des Unsichtbaren", wie der Titel des neuesten Buches eines bekannten Trendforschers lautet. Zukunft als Zufall: Im Börsenhandel per Internet kann jeder binnen Stunden erst zum Millionär und dann zum Bankrotteur werden.

Unsicherheit über die Zukunft, Verwirrung oder Verzweiflung über krisenhafte Veränderungen, die wie ein Schicksal über die Köpfe hinweg zu gehen scheinen, hat es selbstverständlich auch früher gegeben. Aber solche Zustände wurden als Anormalität begriffen, als Übergangsphase, die irgendwann durch eine neue, feste Ordnung abgelöst werden würde. Heute scheint die Ungewissheit zum Dauerzustand geworden zu sein, an den wir uns irgendwie gewöhnen müssen. Wie: Dafür wird dem Einzelnen keine Gebrauchsanweisung gegeben. Das individuelle Basteln am ganz persönlichen Lebensentwurf ist angesagt. Doch wird die Experimentierlust unablässig eingetrübt durch die Angst, entscheidende Entwicklungen, in denen man mitschwimmen muß, könnten einem in der unübersehbaren Auswahl an möglichen Orientierungen entgehen.

Die Möglichkeiten, das eigene Leben selber zu organisieren, es vielfältiger und abwechslungsreicher zu gestalten, sind größer als jemals zuvor. Auf der anderen Seite aber erwarten wir von der Zukunft im gesellschaftlichen und politischen Sinne nichts qualitativ Neues mehr: Es herrscht das Gefühl, alles sei im Prinzip schon ausprobiert. Einerseits ist das "stählerne Gehäuse" der Moderne (Max Weber) jetzt - digital revolutioniert - endgültig unentrinnbar geworden. Andererseits lösen sich im Inneren des virtuellen Gebäudes feste Ordnungen auf; das Dasein ist zugleich transzendenzlos vorgezeichnet und undefinierter denn je.

Auf die je individuelle Gegenwart, die von jedem Einzelnen für sich möglichst intensiv ausgefüllt werden muss, sind alle Energien gerichtet. Wenn aber nur noch Gegenwart zählt, löst sich das Zeitgefühl auf. Denn die Gegenwart ist flüchtig; in dem Moment, in dem sie wahrgenommen wird, ist sie schon vorbei. So wächst das Gefühl, die Zeit laufe davon, und man werde in die Zukunft gezogen bei dem aussichtslosen Versuch, mit ihr Schritt zu halten. Es schieben sich in der Gesellschaft unterschiedliche Zeitmaße in- und übereinander. Während die atemberaubende Entwicklung der Kommunikationstechnologien uns vom weltweiten basisdemokratischen Informationsaustausch in Echtzeit träumen lässt, markiert etwa der Kosovo-Konflikt den Einbruch einer archaisch anmutenden Vergangenheit in die Gegenwart des postmodernen Mitteleuropäers. Plötzlich hat man es hier mit einer bäuerlichen, von ethnischem Hass verwüsteten Region zu tun, deren kläglicher Zustand Erinnerungen an Europa am Ende des Dreißigjährigen Krieges hervorruft. Entwicklung zum Besseren kann hier nur in der Dimension von Jahrzehnten gedacht werden. Es beschleicht einen aber zugleich das klamme Gefühl, alles könnte auch andersherum kommen. Ist das Engagement des Westens im Kosovo der Anfang der demokratischen Zivilisierung des Balkans oder vielmehr der Anfang der Balkanisierung der westlichen Zivilisation? Globalisierung bedeutet eben nicht nur grenzenlose Beschleunigung ökonomischer und technischer Entwicklung, sondern auch das Ineinanderschieben verschiedener Zeitachsen, die sich in ganz unterschiedlichem Tempo drehen - und zuweilen in verschiedene Richtungen. Es gibt weiterhin erste, zweite, dritte, vierte Welten, aber es gibt sie zunehmend gleichzeitig, neben- und durcheinander an ein und demselben Ort.

Während also unsere Gegenwart immer mehr Zukunft in sich aufnimmt, wird sie von einer fremden, unheimlichen Vergangenheit eingeholt. Ist etwa die Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren das ganz Andere, das Utopien einst in der Zukunft suchten?ERSCHRECKENDE BEGEGNUNG mit dem eigenen Ich in der Zukunft: Das Berliner Studio echtzeit präsentiert gegenwärtig in der Ausstellung "Face to Face to Cyberspace" in der Fondation Beyeler im Schweizerischen Riehen (bis 12. September) eine interaktive Installation, bei der der Betrachter den Aufbau seines eigenen Gesichts im Cyberspace nachvollziehen kann. Die Multimedia-Installation mit dem Titel "Virtual Head" markiert den Endpunkt der Porträtkunst im 20. Jahrhundert, die in dieser Schau mit hervorragenden Werken veranschaulicht wird. Während Cézanne, Matisse, Beckmann das menschliche Antlitz noch in seiner Ganzheit erfassten und als Abbild wiedergaben, brachten Giacomettis und Dubuffets Porträts bereits eine Anonymisierung des Gesichts bis hin zu seiner endgültigen Zerlegung bei Francis Bacon. Über Chuck Closes hyperrealistische Pop-Art-Bildnisse und Andy Warhols riesige Selbstporträts führt die Entwicklung zur gespenstischen Konfrontation mit dem eigenen Selbst im Cyberspace. NK
© 1999

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