Kultur : Am Ende hilft nur der Sprung durch die Wand

Ballett der Sinnlosigkeit: Der Berliner Videokünstler Julian Rosefeldt arrangiert in den Kunst-Werken raffinierte Parallelwelten

Christina Tilmann

Zwei Seelen sind’s, in seiner Brust. Vielleicht auch nur zwei Tage, ein guter und ein schlechter. Oder zwei Welten, die Ordnung und das Chaos, die Realität und eine Fantasie- oder Albtraumwelt. Das wohlgeordnete Dasein jedenfalls, das der junge Mann auf der Leinwand führt, in seiner schicken Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küchenzeile, italienischer Espressomaschine, Bücherwand und Zimmerpflanze, besteht nur auf den ersten Blick aus den gewohnten Ritualen: Kaffeekochen, Zeitunglesen, am Computer Mails abfragen. Eine Leinwand später gerät es in Unordnung: da explodiert die Kaffeemaschine, die Tasse fällt zu Boden, das Bücherregal kippt um, und der Bewohner steigert sich immer mehr in einen hysterischen Kampf mit den Dingen, wirbelt durch die Räume, in einem absurden Besenballett, und rettet sich schließlich mit einem Sprung durch die Wand.

Doch hinter den Spiegeln lauert das andere Ich. Zwei Videoprojektionen hat der Berliner Künstler Julian Rosefeldt in der Arbeit „Stuntman“ nebeneinander gestellt, spiegelverkehrt. Zweimal die gleiche Wohnung, zweimal der gleiche Mann. Die Schnittstelle ist der Badezimmerspiegel. Und irgendwann einmal wird er durchschritten, taucht der Chaos-Charakter in die aufgeräumte Alltagswelt der Nachbarwohnung ein, steht der Alltagsmensch fassungslos im Trümmerfeld. Und alles beginnt von Neuem: Hier wird aufgeräumt, dort wird verwüstet. Am Ende sieht alles wieder aus wie vorher. Und der Chaos- und der Alltagsmensch verschwimmen in eins.

Die Sinnlosigkeit des Alltags und der sich ewig wiederholenden Tätigkeiten beschäftigt den 1965 in München geborenen Rosefeldt seit langem. 2002 zeigte er in der noch unrenovierten Rieckhalle neben dem Hamburger Bahnhof – demnächst Ausstellungsort der Flick-Collection – seine Videofilme „Asylum“, die in diesem Jahr auch in Avignon auf dem Theater-Festival zu sehen waren. Fünf Mal Asylbewohner, bei sinnlosen Tätigkeiten beobachtet: Putzfrauen, die das Kakteenhaus im Botanischen Garten saugen, Blumenverkäufer, die ihre Blumen in einer Art Brunnengebäude tränken, vietnamesische Köche, die im Affengehege mit Essstäbchen Mikado spielen, Zeitungsverkäufer, die mit Engelsgeduld Zeitungsstapel aufbauen, die durch eine große Turbine immer wieder durcheinander gewirbelt werden. Auch hier ein Ballett der Sinnlosigkeit, immer wieder unterbrochen durch magische Stillstand-Sekunden, in denen sich die Gruppen zu Chören aufbauen. Es sind Choräle der Verzweiflung, die in der ruinösen Eglise de Célestins in Avignon noch lange nachhallen – und ihr Echo im verschreckten Gurren der Tauben finden.

In den Berliner Kunst-Werken geht es – im Rahmen einer Gruppenausstellung mit vier sehr unterschiedlichen Videokünstlern – um ein verwandtes Thema: die Organisation der Alltagswelt, ins Absurde überhöht. Zwei Teile einer „Trilogie des Scheiterns“ sind erstmals zu sehen, aufwendige Video-Parallelprojektionen, wie man sie von Rosefeldt kennt. Nicht von ungefähr hat der Künstler bei mehreren Inszenierungen der Berliner Schaubühne mitgearbeitet, hat Videofilme für „Electronic City“, „Im Dickicht der Städte“, „Goldene Zeiten“ und „Supermarket“ beigesteuert: Die modernen Lebenswelten zwischen Entfremdung, Technik-Fernsteuerung und Konsum-Überfluss, welche die Schaubühne gern behandelt, sind auch sein Thema. Und die Videos, als Dipty- oder Triptychon angeordnet, eine perfekte Bühnenwelt, zum Zuschauer hin geöffnet – erst recht, wenn, wie bei der zweiten Arbeit „The Soundmaker“, die Kulisse im Museum gleich mit aufgebaut wird.

Auch hier also eine Doppelsituation, der gleiche Schauspieler bei zwei verschiedenen Tätigkeiten. Einmal räumt er seine vergammelte Wohnung scheinbar planlos um, stapelt alle Möbel in der Zimmermitte, um sie anschließend wieder an ihren Platz zu rücken. Auf den flankierenden Nachbarvideos sitzt er zwischen zwei Schreibtischen, trampelt auf dem Boden herum und versetzt Gegenstände von hier nach dort. Erst nach und nach wird klar: Der Mann am Schreibtisch ist der „Geräuschemacher“, der die Soundkulisse für die Aktionen des anderen herstellt, Schritte, zu Boden fallende Gegenstände, eine sich öffnende Kühlschranktür. Und noch später begreift man: Alles ist nur Kulisse, um die – in den Kunst-Werken ebenfalls aufgebaute – Papp-Wohnung herum wuselt ein ganzes Filmteam. Eine „Truman-Show“ der Videokunst, und gleichzeitig eine kluge Reflektion über Sehen und Hören, Realität und Überwachung, die bewusst mit theatralen und cineastischen Elementen arbeitet. So fruchtbar kann der Austausch zwischen den Disziplinen sein.

Kunst-Werke, Auguststr. 69, bis 8. August. Ebenfalls zu sehen: Arbeiten von Sebastián Díaz Morales, Marie Hugonnier und Armin Linke.

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