Kultur : Am Ende lockt doch immer nur der Gewinn

Ronald Berg

Der in New York und Berlin lebende amerikanische Künstler mit seiner neuesten Ausstellung in der Galerie Barbara WeissRonald Berg

"Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war. Und Lots Weib sah hinter sich und ward zur Salzsäule", so heißt es im ersten Buch Mose. "Pillars of Salt" nennt John Miller seine Ausstellung in der Galerie Barbara Weiss. Im engeren Sinne bezieht sich das Thema auf die Arbeit "Focus Group". Sie besteht aus drei hochkantigen Kuben, deren Oberflächen mit billiger Auslegeware für Fußböden beklebt sind. Die Höhe der Säulen korrespondiert mit den Körpermaßen des Künstlers, seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Der versteinernde Blick auf die Stätte der Sünde scheint also schon passiert. Noch aber stehen die Kulissen herum, die der Künstler aus einer amerikanischen Game Show bezogen hat, in der die Kandidaten diverse Konsumartikel gewinnen können: vom Kühlschrank bis zur Segelyacht. Die TV-Bilder sind eingescannt und grobkörnig auf Leinwand wieder ausgedruckt. Solche Studiodekorationen sind oft jahrzehntelang im Gebrauch und haben den veralteten Touch der siebziger Jahre. Ihr billiger und verschlissener Charakter wird durch die Bildbearbeitung noch verstärkt.

Das Ambiente stimmt also: Allein, die vorgestellten Fantasy-Kulissen mit ihren Anzeigetafeln aus dem Fernsehen sind leer. Nur einmal kommen - von hinten angeschnitten - zwei Personen mit ins Bild, die aber wirken nicht minder wie zur Salzsäule erstarrt. Die Katastrophe ist bereits passiert. Die stehen gebliebenen Relikte des Glücksspiel als Fernsehshow zeugen noch immer vom heillosen Getriebe, von der Jagd nach Gewinn und dem Bemühen, die Zeit totzuschlagen. Wer sich diesem Szenario nähert, hört nur noch ein undefinierbares Rauschen, ausgelöst durch einen Bewegungsmelder. Vielleicht ist es das Meer, der ewige Gang der Gezeiten, der die sündigen Stätten der Menschheit überdauern wird.

Nur eine Kartoffel bleibt inmitten des roten Fußbodenbelags von allem unberührt. Der Teppich wurde um sie herum ausgeschnitten. Ein Kontrapunkt, ebenso witzig wie anrührend. Die Knolle widersetzt sich der artifiziellen Tünche. Sie verweist auf Prozesse jenseits von Konsumwelten und Medienspielen. Das Authentische und Lebendige - und sei es nur eine Kartoffel - scheint in diesem Zusammenhang ein unverhofftes Widerstandspotential abzugeben.

John Miller, Jahrgang 1954, Amerikaner und seit seinem DAAD-Stipendium 1991 neben New York auch mit einem Wohnsitz in Berlin, hat hier etwas auf den Punkt gebracht. Die auf den ersten Blick recht hermetisch wirkenden Installation zeigt zugleich, wie schwierig Gesellschaftskritik heute geworden ist. Denn mittlerweile gibt es heute eine Generation, die sich am trashigen Ambiente zu delektieren vermag. Diese Generation ist mit dem Fernsehen groß geworden und fühlt sich zwischen den Kulissen der Game-Shows wie zuhause. Und gilt vielleicht nicht nur für die Jungen: Wo Sinn und Moral einer Gesellschaft abhanden gekommen sind, wird die Wirklichkeit zum Spiel. Dessen Belanglosigkeit wird nur dadurch konterkariert, daß am Ende ein Gewinn lockt, den man konsumieren kann.

Wenn Miller dieses gesellschaftliche Prinzip anhand von Bildern aus Game-Shows anschaulich macht, bedient er sich des gleichen Materials, das er kritisieren will. Die Wirkung von Millers Arbeiten ist einmal verglichen worden mit "synthetischen Duftstoffen, die Kopfschmerzen erzeugen". Aber selbst gegen die Wirkung von Giftstoffen wird man langsam immun. Man gewöhnt sich daran und kommt irgendwann nicht mehr ohne sie aus. Was bleibt, ist die andere Sprache der Kunst als Widerstandpotential, die Rekombination der Bilder und Requisiten. Hinzu kommt der begleitende Diskurs, den Miller als Essayist ausgiebig pflegt: Die Beweglichkeit des Geistes wirkt als Gegengift gegen die Gefahr der Versteinerung beim Blick auf die Verhältnisse. (Preise zwischen 9000 und 24000 Mark).Galerie Barbara Weiss, Potsdamer Straße 93, bis 14. August; Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Sonnabend 11-16 Uhr.
© 1999

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