Kultur : Am Euter Europas

Anselm Kiefer zeigt Kuh-Bilder in Potsdam

Marie-Luise Knott

„Ich glaube, wir haben eines gemeinsam: Wir sind beide im Ausland angesehener als im Inland“, konstatierte der Maler Anselm Kiefer lakonisch, als Angela Merkel zur Eröffnung seiner „Europa“-Ausstellung sprach. In Deutschland ist und bleibt Kiefer umstritten. „Kühe“ bietet er in Potsdam, und laut Katalog geht es auch bei diesen Rindviechern wieder mythisch zu. Seine Kühe heißen „Europa“ oder „Pasiphaë“, nicht Lisa, Gabi oder Angela. Kiefers Kühe stehen in Potsdam hinter echten Dornenhecken und schauen langmütig zu uns herüber. Sie fressen die Pflanzen und sind dem Kosmos verbunden. Sie sind alt und stark.

Anderen Kühen quillt, als seien sie ausgestopfte Kuscheltiere, das Stroh aus dem Körper, weil Kiefer die Leinwand am Bauch aufgeschlitzt hat. Manche Bäuche wirken ledern und sind unterhalb des Schnitts mit Drähten hochgebunden. Wie provisorische Futterkrippen. Andere haben eine Haut wie Birkenrinde. Was Europa, diese „westliche Halbinsel Asiens“ (Valéry), neben der griechisch-römisch-christlich-jüdischen Ideengeschichte heute vor allem verbindet, sind Vegetation, Erinnerung und Milchwirtschaft – auch darauf verweisen die Kuhbilder.

Die Kühe sind weiß. Drumherum ist Acker, grau und braun. Die Farbe wirkt verwittert, als ob diese Leinwände – wie die Tiere im wirklichen Leben – Tag um Tag Wind und Wetter ausgesetzt gewesen seien. Die Haut mancher Rindviecher, wahrscheinlich mit Lehm moduliert, wirkt alt und rissig. Mit Schellack hat Kiefer auf den erdenschweren Feldern rosa-orangefarbene „Blutblumen“ aufgemalt, die entfernt an die Seerosen von Monet erinnern. Auf einigen der schwarzen Bildrahmen-Kästen liegen innen heruntergefallene Strohzweige und erzählen von der Dimension der Zeit. Kiefer weiß: Das Kunstwerk verändert sich mit jedem Betrachter, aber auch das Material verändert sich. Nicht jeder Sammler mag das bekanntlich.

Kiefer ist ein wahrer Zeitgenosse. Er bildet unsere Zeit ab und erweitert die künstlerischen Möglichkeiten und Darstellungsformen. Sein Material sind: Landschaftseindrücke, Mythen, die Qualität von Haut und Rinde, Installationskunst und die Wirkung des Farbauftrags. Auf das Erscheinen seiner Notizhefte, die Suhrkamp angekündigt hat, darf man gespannt sein.

„Die Kunst geht knapp nicht unter“, erzählt Kiefer in dem jüngst (ebenfalls bei Suhrkamp) erschienenen Gesprächsband mit Klaus Demutz. Die Kunst braucht das Leben und die Geschichten, um sich immer wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf des reinen Kunst-Wollens herauszuziehen. Marie-Luise Knott

Die Ausstellung ist in der Villa Schöningen an der Glienicker Brücke in Potsdam bis 31. März 2011 zu sehen.

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