Kultur : Am Grund des Herzens in der Luft

Der Melankomiker: eine üppige Monographie über den Schauspieler Otto Sander

Peter Laudenbach

Ein Mann im Kimono redet im Treppenhaus verwirrt auf zwei Polizisten ein. Uncharmant fallen seine nervösen Selbstbeschreibungen aus: „Wer ist dieser lächerliche Mann im Kimono? Die Haare kreuz und quer und ziemlich aufgeregt, verdutzt, verwirrt, verzweifelt, eine rundherum verdächtige Erscheinung, so steht er da, kurz nach dem Frühstück, ungekämmt im Treppenhaus, ein Bündel schwacher Nerven...“ Er steigert sich in Selbstanklagen, grübelt über die Verbrechen der Liebe und will, obwohl ihm der Grund des Polizistenbesuches unklar ist, verhaftet werden: „Damit setzt ihr der trüben Brühe meiner Existenz ein würdiges Schaumkrönchen auf.“ Seine Sätze tänzeln aus der Wirklichkeit heraus, er verheddert sich in seinen aberwitzigen Gedankengängen. Ein leichtfüßiger Artist des Räsonierens, offenbar unfähig, es sich in seinem Leben gemütlich zu machen; er wird sich zum Rätsel, ist zu empfindlich, zu abenteuerlustig und vertrackt für eine kleine, abgesicherte Bürgerwelt. Einer, der mit dem Leben eher spielt, als sich von ihm niederziehen zu lassen: „Sie sehen ja, dass ich in einem Alter, in dem Mann unbedingt mit beiden Füssen auf der Erde stehen sollte, im Grunde meines Herzens mit den Füßen in der Luft hänge...“

Botho Strauß hat diese traumklar irisierende Theaterszene für den Schauspieler Otto Sander geschrieben, ein Porträt des geisteshell komischen, mit melancholischem Aberwitz gesegneten Existenz-Clowns. Erstmals veröffentlicht ist die liebevolle Skizze in einem neuen Buch über den Bühnen-, Film- und Lebenskünstler Otto Sander, eine sorgsam zusammengestellte, prächtig illustrierte Monographie. In ihr zeichnen die Berliner Journalisten Karin Meßlinger und Klaus Dermutz Lebens- und Arbeitsstationen Sanders detailscharf und aus überraschender Perspektive nach: ein Porträt des Künstlers als nicht mehr ganz junger Mann. Und wie die Szene, die Botho Strauß zu dem schön aufgemachten Buch beigesteuert hat, gilt auch das Interesse von Meßlinger und Dermutz vor allem dem Künstler Sander: Die wahren Abenteuer finden auf der Bühne oder vor der Kamera statt, von den großen Jahren an der Schaubühne bis zu den Operettenfreuden in der Bar jeder Vernunft („Im Weissen Rössl"), von avantgardistischen Kurzfilmen über die Arbeit mit Wim Wenders („Der Himmel über Berlin“) bis zu dem mit Bruno Ganz gedrehten Porträtfilm über Curt Bois und Bernhard Minetti „Erinnerung“). Die privaten Einblicke, die Sander dem Autorengespann gewährt, sind gleichwohl spannend – und erlauben aufschlussreichere Wahrnehmungen des Künstlers als jener Medienrummel, der Sander seit Jahrzehnten begleitet. So liest man nicht ohne Anteilnahme, was der ehrgeizige Schauspielschüler seinem Tagebuch anvertraute: „Heute bin ich wieder einmal völlig am Ende. Erschreckend klar wird mir, dass ich ohne einen gewissen Zwang nichts tue. Das ist sehr deprimierend. Um Himmelswillen: ich bin doch keine Maschine.“

Die Sorgfalt der Beschreibung und das Vertrauen Sanders zu seinen Porträtisten, machen diese Monographie zu einem so sympathischen, anregenden Theaterbuch: Es ist das zweite Denkmal für den großen Schauspieler. Das erste, seiner Kunst ebenso angemessene, hängt bekanntlich in der Paris Bar: ein Namensschild, das dem Künstler seinen Ehrenplatz an der Theke freihält.

Karin Meßlinger, Klaus Dermutz: Otto Sander. Ein Hauch Anarchie darf schon dabei sein... Henschel Verlag, 240 S., 29,90 €. – Buchpräsentation mit Otto Sander heute um 20Uhr30 in der Bar jeder Vernunft.

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