Kultur : Am Grunde der Moldau oder: Das Leben ist ein langer, singender Fluss

YOUNG EURO CLASSIC

Christiane Peitz

Ganz schön viel Pathos, was da zum Ende des Berliner Musiksommers ertönt: Wenn das Tschechische Studentenorchester aus Prag beim letzten Abend von young.euro.classic im Konzerthaus Leos Janáceks Heldensaga „Taras Bulba“ intoniert, wird mit der finalen Apotheose nicht nur uralte prorussische Propaganda lebendig. Man erschrickt beinahe: Da ertönt auch der zeitlos deutliche Ruf nach einer höheren, allgewaltigen Instanz. Krieg und Frieden, Tod und Verklärung – solche Musik möchte die Welt ordnen in chaotischen Zeiten. Und das Orchester unter Leitung des 22-jährigen (!) Jakub Hruša legt sich ins Zeug.

Mythisch raunend hatte es begonnen: In Miroslav Kabelács „Mystery of Time“ ist das Leben ein langer, behäbiger Fluss, der immer gewaltigere Klangmassen vor sich herschiebt. Eine Passacaglia – die populärste,da eingängigste E-Musik-Form fürs Archaische. Und am Grunde der Moldau wandern behäbig die Steine. Die Tschechen sind übrigens, frei nach Dominique Horwitz, dem Paten des Abends, immer schon da. Horwitz kennt Prag, seit er dort einen Film drehte; in seinen Anekdoten ist Produktionsleiter Vaclav mindestens so gewitzt wie der selige Schwejk.

Nichts gegen Folklore, aber warum ist ausgerechnet ein Jugendorchester so harmoniesüchtig, ja neokonservativ? Ob in Bohuslavs Martinus spätem Oboenkonzert (mit Jana Brozková als ebenfalls gewitzt virtuoser Solistin) oder bei der Uraufführung von Marko Ivanovics „Ouvertüre zum Abschied“ (allein der Titel ...): Noch die Dissonanzen verwandeln die Musiker in zarte Sehnsuchtsseufzer – lieber Dreiklang, du fehlst uns so sehr. Ganz schön romantisch, diese Jugend und ihre Neue Musik der geschmeidigen, watteweichen Sorte. Dass ein junges Ensemble bereits so viel erfahrungsgesättigten Schmelz drauf hat, spricht allerdings für die musikalische Begabung und Ausbildungskunst der Tschechen.

Damit der Spieltrieb nicht zu kurz kommt, gibt’s bei Martin Smolkas „Observing the Clouds“ zwischen Blockflötenpusten und Vogelgezwitscher ein echtes Federball-Match. Ping und pong, pro Treffer ein Ton, und wenn die Spieler den Ball verlieren, ist kurzerhand Schluss mit der Musik.

Viel Nostalgie also, Schmelz und Schmackes, dazu eine Portion Sport: durchaus ein gelungenes young.euro.classic-Finale. Das Festival, melden die Veranstalter, verzeichnet in seinem vierten Jahr trotz der Hitze mit fast 20000 Besuchern in 16 Konzerten einen neuen Rekord. „Eine Ermutigung, für die Fortsetzung zu kämpfen“, sagt Leiterin Gabriele Minz. Denn die Zukunft ist ungewiss. Vorerst liefert das Schleswig-Holstein Musik Festival Orchester am kommenden Sonntag den Epilog zur Saison 2004: mit Schnittke, Bruckner und Bach.

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