Kultur : Am Hals baumelt eine Kette mit Halbmond und Stern

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Von Suzan Gülfirat

Ich habe dich als Bruder gesehen

und in mein Herz geschlossen

Ich dachte wir könnten zusammenleben

und irgendwann Eins werden

Nun sagst du „Vergiss es und hau ab!“

Ich kann meine Liebe jedoch nicht loslassen

Olkay Sökmen nuschelt diese Zeilen laut und mit kratziger Stimme ins Mikrofon, kaum ein Wort ist zu verstehen. Das Lied hat er Berlin gewidmet, seiner Geburtsstadt. Die gepressten, würgenden Laute seines Gesangs sind so etwas wie eine Stil-Richtung. Sökmen ist Leadsänger einer türkischen Hardrock-Band. Sie heißt „Stoneheads“, auf Türkisch Taskafalar, und ist „die einzige türkische Hardrock-Band in Europa“. Sagen zumindest die vier Musiker, aber weil sie ahnen, dass das übertrieben klingt, einigen sie sich auf „die einzige in Deutschland.“ Wer weiß, wie viele Bands dieser Art es noch gibt, die aus Emigranten-Kindern bestehen und den Sprung in die Hitparaden noch nicht ganz geschafft haben.

Olkay Sökmen wurde 1973 im Wedding geboren. Die typischen Probleme türkischer Jugendlicher habe er „kaum“ erlebt. Die Türsteher der Kudammdiscos wiesen ihn nur selten ab. Das, so glaubt er, lag an seinen Haaren. Ein Türke mit langen Haaren gilt als assimiliert. Trotzdem sagt der Hardrock-Sänger: „Ich bin ein Ghetto-Kind.“ An ihm sei nicht spurlos vorübergegangen, dass seine Freunde draußen bleiben mussten. Probleme haben ihm vor allem seine Eltern gemacht. Der Vater, ein einfacher Gastarbeiter, schlug die Gitarre seines Sohnes kaputt, als der mit sechzehn in eine Band eintrat. „Die Leute im Ghetto habe ich mal gehasst“, sagt er. Ihr Misstrauen, ihre Rückständigkeit und, dass sie sich alles gefallen lassen, wollte er nicht länger hinnehmen. Heavy Metal, diese Musik der Übertreibung, war ein Ventil.

Vor zehn Jahren, mit Anfang zwanzig, traf er Yalim Ergin, einen Gitarristen, und Murat Aydin, einen Schlagzeuger. Die spielten schon in einer Hardrock-Band mit deutschen Musikern. Alle drei waren überrascht, dass es Türken gibt, die Hardrock mögen. Es blieb ihnen fast gar nichts anderes übrig, als Freunde zu werden und eine eigene Gruppe zu gründen. Drei Dutzend Stücke haben sie seitdem geschrieben, allesamt in türkischer Sprache. Das wären genug, um eine CD herauszubringen, doch bislang reichte das Geld nur für eine Demo-CD.

Auf dem Cover sind die riesigen Steinköpfe der Grabstätte König Nemruds in Ostanatolien zu sehen. Sie geben dem Band-n einen majestätischen Glanz, sind es doch vor allem Erzählungen, die sie mit dem Land ihrer Eltern verbinden. Ihr Alltag hat mit deren Erinnerungen kaum noch etwas zu tun. Und so singen sie: „Ich bin in Kreuzberg geboren, aufgewachsen im Ghetto, hab mich in den Straßen geprügelt und Blondinen geliebt. In ihren Discotheken hatten sie keinen Platz für mich, also habe ich gleich nebenan meine eigene Disco aufgemacht. Dreckiger Ausländer haben sie gesagt, da hab ich’s ihnen gezeigt.“ Die Texte handeln häufiger von der Liebe zu einer Frau („Sie wird zu mir zurückkommen“) oder zur türkischen Heimat (“Türkei, mein Heimatland, mein Mutterschoß“). Aber meistens versteht man sie ohnehin nicht.

Gitarrist Yalim Engin trägt eine Kette mit Halbmond und Stern um den Hals. Nach den Konzerten legt er sie jedoch ab. Seine ganze Hard-Rock-Kluft ist nur für die Bühne gedacht. Denn er wohnt in Zehlendorf. Dorthin waren seine Eltern 1986 aus Ratingen gezogen. Der Senat hatte die beiden Pädagogen wegen der wachsenden Schwierigkeiten angeworben, mit türkischen Jugendlichen umzugehen. In Zehlendorf sei es so ruhig wie in Ratingen, sagt er. Tagsüber leitet der studierte Diplompädagoge ein Projekt für psychisch Kranke. Da könne er so unmöglich auftauchen, gesteht er, obwohl er es gerne täte.

Burcin Erdemir, der Bassist, hielt Yalim Engin, als sie sich kennen lernten, zunächst für einen Nationalisten. Wegen der Kette. Aber das war ein Irrtum. Burcin ist mit siebzehn Jahren der Jüngste. Er bindet sich sogar sein Stirnband ab, wenn er in sein Gymnasium geht. Auch Murat, der Drummer, kann sich keine Hardrock-Eskapaden wie eine Tätowierung leisten. Er arbeitet in der Champagner-Bar der Lufthansa im Flughafen Tegel.

„Ich bin der Einzige, der sich selbst immer treu geblieben ist“, scherzt Olkay, der Sänger. Er habe schon immer so ausgesehen wie auf der Bühne. Diese Treue forderte jedoch ihren Preis. Fünfzehn Lehren hat er schon abgebrochen. Vor kurzem erst eine Ausbildung zum Koch, die ihm die Berufsberatung vermittelt hatte. Ein Rockmusiker ist eben nicht geschaffen für Stechuhr, Gemüseputzen und Haarnetz. Und außerdem hat Olkay eine Mission: Die Stoneheads sollen in der Hardrockszene endlich Fuß fassen.

Vor sechs Jahren wäre die Band an diesem Wunsch beinahe schon einmal zerbrochen. Schuld war der Rap. Seit drei Jahren spielten sie zusammen, als sich ihnen 1995 die Chance bot, richtig berühmt zu werden. Der Produzent der erfolgreichen HipHop-Band „Cartel“, Ozan Sinan, hatte sie entdeckt und wollte mit ihnen eine CD produzieren. Die Jungs reden nicht gerne über diese Zeit. „Das ist das schwarze Kapitel unserer Band“, sagt Yalim. „Hardrock kann ich nicht verkaufen“, habe der Produzent gesagt, und so habe er angefangen, ihren Stil und ihr Programm zu ändern. „Wir haben versucht etwas zu sein, was wir nicht waren“, sagt Yalim. Murat fügt hinzu: „Der wollte von uns Rap-Gesang.“ Die drei blieben Freunde, ihre Band aber lösten sie daraufhin auf.

Über Frauen reden die Männer ebenfalls nicht gerne. Musiker mit festen Beziehungen schrecken weibliche Fans ab, heißt es. Nur so viel sei deshalb gesagt. Der eine ist verlobt, der andere „fast verheiratet.“ Trotzdem treten sie seit einem Jahr wieder gemeinsam auf. Ihren größten Auftritt hatten die Stoneheads in der Columbia Halle vor 2000 Zuschauern. Haluk Levent, der ebenfalls als Hardrocker gilt, obwohl ihn mittlerweile Millionen von Türken wegen seiner poppigen Songs lieben, hatte das Berliner Quartett als Vorgruppe engagiert. „Uns kannte keiner“, sagt Yalim. Deshalb sollten sie nach einigen Liedern schnell wieder verschwinden. Doch dann sei ihre Musik beim Publikum so gut angekommen, dass sie noch ein Stück und noch ein Stück spielen mussten. „Das war schön.“ Aber am schönsten war, dass Haluk Levent am Ende des Konzerts auf sie zukam und ihnen anbot, ihn auf seiner Europatour zu begleiten.

Zwei Wochen hatte die Band Zeit, sich zu entscheiden. Murat, der Drummer, vermutet, dass Levent die Stoneheads nur haben wollte, weil sie preisgünstiger als professionelle Bands gewesen seien. Außerdem hätten seine eigenen Musiker ständig Probleme mit ihren Einreisepapieren bekommen. „Der wollte seine damalige Band einfach in die Türkei zurückschicken, sobald wir zugesagt hätten“, sagt Murat. Man spürt, dass ihn das noch heute schockiert.

Die Stoneheads spielen morgen auf dem Oberbaumbrücken-Fest, das zwischen 12 und 24 Uhr stattfindet

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