Kultur : Am Heck der Zeit

Mit Ernest Shackleton ins ewige Eis: Mirko Bonnés Roman über die legendäre Antarktis-Expedition

Michael Braun

Die Fahrt ins ewige Eis bleibt eine gefährliche Utopie. Als Virtuose des Scheiterns erwies sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs der irische Polarforscher Ernest Shackleton. Den Südpol, den Navigationspunkt seiner Träume, erreichte er nie. Die Antarktis, die er 1914 gemeinsam mit einer Truppe todesmutiger Männer zu Fuß durchqueren wollte, lockte ihn auf unheimliche Irrwege. Aber selbst den Ruhm des tragischen Untergangs musste er seinem britischen Kollegen Robert Falcon Scott überlassen, der 1912 beim Wettlauf um den Südpol erfror. Erst auf seiner vierten Antarktis-Expedition erlag Shackleton 1922 einem Herzversagen.

Wer einen so tragischen SehnsuchtsReisenden zum Romanhelden kürt, steht vor dem Dilemma, dass die Umstände seines Scheiterns lückenlos erforscht sind. Welchen Erkenntnisgewinn verspricht also ein Roman über Shackletons „Imperial Trans-Antarctic-Expedition“, ein Stoff, der im übrigen zu den berühmtesten unverfilmten Hollywoodprojekten zählt und gerade wieder von Regisseur Wolfgang Petersen in Angriff genommen wird?

Mirko Bonné will mit seinem dritten Roman nicht als literarischer Nachzügler in Sachen Eis-Abenteuer gelten, der nach Sten Nadolny („Die Entdeckung der Langsamkeit“) und Christoph Ransmayr bloß einen weiteren opulent erzählten Abenteuerroman über „die Schrecken des Eises und der Finsternis“ vorlegt. Dabei scheint „Der eiskalte Himmel“ zunächst ganz konventionell den Rahmen einer fiktionalisierten Katastrophen-Chronik abzustecken. Als Ich-Erzähler agiert der 17-jährige Ire Merce Blackboro, der sich in Südamerika als blinder Passagier auf Shackletons Expeditionsschiff „Endurance“ hat einschmuggeln lassen. Mit 27 Mann Besatzung, 69 Schlittenhunden und unzureichender Ausrüstung wagt Shackleton die Fahrt ins Eis, um vom Weddellmeer zum Rossmeer zu gelangen.

Ein halbes Jahr nach Beginn der Expedition wird das Schiff im Januar 1915 vom Packeis eingeschlossen und nach weiteren Monaten des Überwinterns von Eisblöcken zerdrückt. Shackletons Mannschaft überlebt zunächst in provisorischen Zeltlagern auf Eisschollen; später riskiert der Expeditionsleiter in kleinen Rettungsbooten die waghalsige Fahrt über 1500 Seemeilen, um durch die antarktische Dunkelheit zur rettenden Elefanten-Insel zu gelangen. Der erste Teil des Romans rekapituliert etwas umständlich die Vorgeschichte: Inspiriert von Jack Londons See-Stories und von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ sehnt sich der junge Merce Blackboro nach dem ganz großen Abenteuer. Seine Bücher-Leidenschaft ermöglicht es ihm später, als Verwalter der Bordbibliothek, all die wundersamen Episoden von Schiffbrüchen, Durststrecken und Kältezumutungen aus der Geschichte der Polarexpeditionen facettenreich nachzuerzählen.

Der romantischen Mythologie der unendlichen Fahrt folgend, hat der in Hamburg lebende Autor die „Endurance“-Expedition als Sinnbild der Lebensreise angelegt. So transportiert Bonné nicht nur die Ingredienzien des Abenteuerromans, er verfolgt ambitioniertere Ziele. Da ist die subtile Beobachtung der Gruppendynamik zwischen ausgehungerten, halb erfrorenen Männern, die selbst im lebensmüden Zustand nie die Befehlshierarchie missachten. Da ist die diskrete Geopoetik des Scheiterns, die in der unfreiwillig zirkulären Bewegung der Polar-Abenteurer zum Ausdruck kommt. Während die Expeditionsteilnehmer im frostigen Stillstand zu verharren glauben, entfernt die unaufhaltsame Eisdrift sie immer weiter von ihrem Ziel.

Hinter der fesselnden Eisreise verbirgt sich auch ein Essay über die Zeit. Bonné bevorzugt als Erzähltempus das Präsens, so bringt er die Zeit zum Stillstand. „Und mir“, notiert der Erzähler, „kommt es so vor, als stünde ich nicht am Heck unseres Schiffes, sondern am Heck der Zeit.“ Und dank seines kulturhistorischen Scharfsinns unterlaufen dem Autor nur wenige Fehler. So gab es 1915 noch keine „gelbe Karte“ für die foulenden Fußballhelden, die sich in der antarktischen Öde mit einem Spontan-Derby aufzuheitern versuchen.

Mirko Bonné hat „Der eiskalte Himmel“ an einem Kreuzungspunkt der Moderne angesiedelt. Während der gescheiterte Shackleton nach der Errettung seiner Männer nach England zurückkehrt, hat der Erste Weltkrieg längst neue technische Paradigmen geschaffen: Gefragt sind nicht mehr heldenhafte Seefahrer, sondern Piloten in Kampfflugzeugen. So fallen die Helden der „Endurance“ am Ende aus der Welt heraus. An ihren Geschichten ist niemand mehr interessiert. Was ihnen bleibt, ist der Tod an der Front.

— Mirko Bonné:

Der eiskalte Himmel. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2006. 432 Seiten, 24,90 €.

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