Kultur : Am Horizont, da wartet irgendwo ein neues Leben

Ein Buch aus der ostalgiefreien Zone: Claudia Rusch erinnert sich an ihre „freie deutsche Jugend“ in der DDR

Marc Neller

Ein sechsjähriges Mädchen setzt sich in einem überfüllten Zug auf den Schoß eines uniformierten Volkspolizisten. Stunden hat die Kleine darauf gewartet, dass ihr die Mutter den kandierten Apfel vom Weihnachtsmarkt gibt. Den ersten hat sie im Menschengewühl fallen lassen. Den zweiten bekommt sie jetzt, nachdem sie einen Platz gefunden hat. Zufrieden bedankt sie sich bei ihrem Retter mit Honecker-Witzen, die sie von zu Hause kennt. Die einzige, die nicht lacht, ist ihre Mutter. Sie ist mit dem Bürgerrechtler Robert Havemann befreundet, einem „Staatsfeind“ der DDR, weswegen die Stasi sie observiert. Sie zerrt ihr Kind in einen anderen Waggon. Als die beiden später aus dem Zug aussteigen, entdeckt das Mädchen den Apfel-Mann am Bahnhof wieder. Sie will ihm noch was Nettes sagen. Die Mama könne „Bullen nich leiden“, ruft sie ihm hinterher. „Aber ich find dich trotzdem janz nett.“

Die Erzählung, die auf wenigen Seiten andeutet, wie der arglose Blick eines Kindes eine von der DDR-Staatsführung jahrelang überwachte Familie gefährdet, heißt „Honeckers kandierter Apfel“. Sie ist eine von 25 autobiografischen Miniaturen in Claudia Ruschs Prosadebüt „Meine freie deutsche Jugend“, das auch ein enthusiastisches Nachwort des Schriftstellers Wolfgang Hilbig enthält. Die Geschichten handeln von skurrilen Begegnungen eines Kindes mit der Staatsmacht; von der Jugendweihe und von Enttäuschungen, Familie und der ersten Liebe. Und von der Sehnsucht nach Freiheit, die die Autorin auf Frankreich und auf den Horizont projiziert, an dem sie und ihre Mutter vom Ostseestrand aus die riesigen Fähren nach Schweden vorbeiziehen sehen.

Rusch zerstreut mit ihrem leichten, von Ironie und manchmal von Sarkasmus durchdrungenen Ton schnell Befürchtungen, dass ihre mit dem Mauerfall endende DDR-Jugend ein sprödes Thema sein könnte. Ihr Buch ist kein weiteres Stück Bekenntnis- oder Rechtfertigungsliteratur, kein Versuch, Widerstand nachzuholen. Und auch kein Versuch, in der Ostalgie von Zonenkindern zu schwelgen.

Claudia Rusch ist heute 32, sie hat die DDR erlebt, nicht recherchiert. Das unterscheidet sie von Jana Hensel und einer Reihe jüngerer Autoren, die sich an der literarischen Bearbeitung der DDR-Geschichte versucht haben. Und sie ist mit der Sichtweise und den Schwierigkeiten Oppositioneller aufgewachsen: Claudia Ruschs Eltern trennten sich, bevor sie zur Schule ging, der neue Vater war nett – aber mit Bürgerrechtlern befreundet und deshalb aus Sicht der Staatsführung eine persona non grata. Das Haus wurde von der Stasi überwacht. Der Großvater starb mit 42 Jahren in der Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatsicherheit in Rostock.

Das alles zusammengenommen ist viel. Aber es reicht nicht immer. Zu stark variiert die Qualität der Geschichten, vieles bleibt in Ansätzen stecken. Sieht man von dem Stück „Der Stadtplanfluch“ ab, einer Irrfahrt durch den abendlichen Verkehrswust von Paris, liegt dies meist an der handwerklichen Bearbeitung des Stoffes – nicht am Stoff selbst. „Mauer mit Banane“, eine Geschichte über den 9. November 1989 in Berlin, zerfasert nach einem viel versprechenden Beginn in eine Vielzahl flüchtiger Impressionen. Diese Erzählung ist nur ein Beispiel für einen Gesamteindruck: Vielen Stücken fehlt die erzählerische Stoßrichtung.

Hinzu kommen stilistische Schwächen. „Hollywoodreif“ steht da und „wie im Film“ , wenige Seiten später heißt es: „das Eis war gebrochen“, „ich war hin und weg“ und „im siebten Himmel“. Dadurch bleibt sie oft erschreckend unkonkret: „Hier gab es alles, sogar die Sachen aus dem Westfernsehen. Ein Universum an Möglichkeiten tat sich auf. Ich konnte alles haben. Ich musste es nur sagen. Es war wie Weihnachten." Derlei ist besonders bedauerlich, weil das Buch starke Momente hat – dort, wo Claudia Rusch genau bei der Sache bleibt. Zum Beispiel im Jahr 1995, als die Eltern sie mit der Frage aus der Fassung bringen, was sie getan hätte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre.

Sie ringt lange mit sich, bis sie gesteht, was früh für sie feststand: dass sie die DDR verlassen würde. Ein anderes Beispiel ist die Geschichte über ihren Großvater. Sie lernt ihn 35 Jahre nach seinem Tod kennen – durch Stasi-Akten. „Die Anonymität löste sich auf. Ich begann meinen Großvater hinter dem Fall zu erkennen. Seine Sehnsucht und seine Verlassenheit. Ich sah, dass ich von ihm nicht nur die krummen Finger geerbt hatte, sondern auch die Schwermut. Die Radikalität und die Handschrift. Mein Großvater, der genauso besessen Erklärungen suchte wie ich.“ Von solchen Momenten lebt dieses Buch.

Claudia Rusch: Meine freie deutsche Jugend. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2003. 157 S., 14,90 €. – Die Autorin stellt ihre Geschichten heute in Berlin erstmals vor (Bibliothek am Wasserturm, Prenzlauer Allee 227, 20 Uhr) .

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