Kultur : Am Körper

Die wunderbaren Blätter des Konzept-Pioniers William Anastasi in der Galerie Jensen

von

Fast hätte man ihn übersehen. Im Dickicht des Camouflage-Musters, das sich wie ein Vorhang über den Raum legt, verschwindet auch William Anastasi: Für die Arbeit „Blind“ (1966) hat er seinen Körper in denselben Farben bemalt wie die Wände, die Decke und den Boden. Eine frühe Arbeit, die hervorragend zum Künstler passt. Der 1933 in Philadelphia geborene Anastasi ist ein Meister der Tarnung und Täuschung – einer, der fast alle wichtigen Künstler seiner Generation beeinflusst hat, ohne je selbst im Rampenlicht zu stehen.

Das holt nun ein Preis für ihn nach. Gerade hat William Anastasi den John Cage Award 2010 gewonnen. Die Jury der Auszeichnung, die seit 1992 alle zwei Jahre von der Stiftung des Künstlers und Komponisten vergeben wird und mit 40 000 Dollar dotiert ist, nennt Anastasi eine „Schlüsselfigur der Konzept- und Minimalkunst“. Wie konsequent sein Werk der sechziger Jahre die elementaren Fragen nach der Rezeption von Kunst dekliniert, lässt sich derzeit in der Galerie Niels Borch Jensen nachvollziehen. In einer Serie von schwarzweißen Blättern, die zu Beginn der neunziger Jahre in Jensens Radierwerkstatt in kleiner Auflage (6000-20 000 Euro) als Fotogravüren entstanden sind und Anastasis Arbeiten noch einmal Revue passieren lassen.

Vieles davon ist bloß noch in Bildern erhalten, anderes in den Sammlungen großer US-Museen wie dem New Yorker Museum of Modern Art untergekommen. Zeugnis von Anastasis visionärem Umgang mit Stein, Metall oder Videobändern, die er zu lockeren Wandinstallationen arrangierte, legen vor allem aber jene fotografischen Dokumente ab, die das Werk im Kontext früher Ausstellungen zeigen. Etwa in der Virginia Dwan Gallery, wo der Künstler wie bei „Blind“ den Raum in seine theoretischen Überlegungen einbezieht, die um den Transfer zwischen Realität und Abbild kreisen. Später kommen Faktoren wie Zeit und Zufall hinzu.

Anastasi verdoppelt marginale Details wie einen Lüftungsschacht oder Steckdosen an der Wand mithilfe der Malerei. Für die fotografischen Motive lichtet er drei Finger oder sein halbes Gesicht ab und hält diese Aufnahmen wiederum in die Kamera – neben seine originale Hand, das eigene Gesicht. Wieder wird fotografiert, so dass die Ansichten am Ende aus lauter Versatzstücken bestehen. Solche Verdoppelungseffekte sind typisch für Anastasis Arbeit und brechen das Motiv vielfach auf. Eine Herausforderung für den Betrachter, der sich fragen muss, wie und was er da eigentlich sieht.

Die abstrakte Komposition zweier anderer Arbeiten resultiert daraus, dass Anastasi im Stehen auf die Radierplatte uriniert hat. Mindert das nun ihre Schönheit, wenn man den zufälligen Prozess ihrer Entstehung kennt? Und was ist mit jenen „Pocket Drawings“, die der Künstler während seiner Fahrten mit der U-Bahn anfertigte? Auch sie Notate der Willkür, weil Anastasi blind in seinen Hosentaschen gezeichnet hat – ohne hinzuschauen, nur unter Einfluss der Bewegung um ihn herum.

Dieses Unlenkbare hat in seiner Arbeit mindestens so viel Platz wie die konzeptuelle Gestaltung. Die Skulpturen von Sol Lewitt, Richard Serra, Carl Andre oder Eva Hesse, mit denen Anastasi anfangs gemeinsam ausstellte, haben dieselben Wurzeln, Parallelen sind unübersehbar. Wer welchen Einfluss hatte, bleibt dabei oft unklar. Deutlich aber wird, dass Anastasis abseits jeder Karriere ein artists artist, ein inspirierender Geist vor allem für andere Künstler geblieben ist. Was auch an seiner Kunst liegt: Hätte Anastasi ein fest umgrenztes, serielles Werk daraus gemacht, wäre dies ein immanenter Widerspruch. So aber spürt man noch Jahrzehnte später das flüchtige, poetische Potenzial. Christiane Meixner

Galerie Niels Borch Jensen, Lindenstr. 34; bis 1. Mai, Di-Sa 11 - 18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben