Kultur : "Am liebsten vergäße ich mein eigenes Ich"

CHRISTIAN BÖHME

Der Vatermord fand nicht statt.Die schon ergrauten Söhne ließen sich von den kritischen Enkeln zu einer solchen Tat nicht ermuntern.Die Dolche blieben unter dem Gewand, sofern man sie überhaupt dabei hatte.Allenfalls wurde auf dem 42.Historikertag in Frankfurt am Main ein wenig am Podest der Altvorderen gerüttelt.Von einem Sturz war trotz der braunen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 keine Rede.Es gab auch kein offizielles Schuldbekenntnis mit dem Tenor: "Ja, die Mehrzahl der deutschen Geschichtswissenschaftler war in das Terrorregime des Dritten Reiches verstrickt.Prominente und weniger prominente Vertreter des Fachs haben den Unrechtsstaat unterstützt und seine mörderische Politik mit ihren Arbeiten legitimiert."

Überraschen konnte das niemanden.Zu emotional, ja zuweilen aggressiv wird derzeit die Debatte über die Schuld geführt.Zu häufig noch halten die Schüler mit Ehrenerklärungen die Hand über ihre Lehrmeister, zu oft kommt noch der Hinweis auf die "Lebensleistung" der einzelnen.Der Riß innerhalb der Zunft ist tief.Oft ähnelte die Historiker-Debatte in Hörsälen der Goethe-Universität über die eigene, beschämende Vergangenheit an Diskussionen, die in deutschen Familien über die Nazi-Zeit geführt wurden und werden.Vieles erinnerte auch an die Kontroverse über die Wehrmachtsausstellung.Denn immer wieder war von den Verteidigern zu hören, es habe doch nur einige wenige fanatische Nazis unter den Ordinarien und Assistenten gegeben.Die Mehrheit sei eher zum Zirkel der inneren Emigration zu zählen.Allerhöchstens handele es sich um einfache Mitläufer.

Solche Sätze sagen viel über das in Jahrzehnten aufgebaute, psychologische nachvollziehbare Trugbild aus, wenig dagegen darüber, wie es wirklich war.Nach dem Krieg und dem Zusammenbruch des Dritten Reiches hielten es die keinesfalls ehrenwerten Herren mit Leopold von Ranke: "Am liebsten würde ich mein eigenes Ich vergessen." Das taten die meisten dann auch geflissentlich.Das bereitwillige Beschweigen begann - und damit die Zeit der "Zweiten Schuld".Schlimmer noch.Einige von Hitlers willigen Historikern schönten ihre Biographien und stilisierten sich wider besseres Wissen zu Widerstandskämpfern.Das war eine ganz und gar unhistorische Verkehrung der Tatsachen.

Die Forschungen von Götz Aly und Peter Schöttler etwa haben gezeigt, daß die Geschichtswissenschaftler tief im braunen Sumpf steckten.Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, standen jene schon bereit und stellten sich bereitwillig in den Dienst der Diktatur.Die Volkstumsforschung und die Volkgeschichte zum Beispiel erhielten mit Blick auf den "Lebensraum im Osten" eine wichtige strategische Bedeutung.Und die Wissenschaftler erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen mit Gutachten und Denkschriften, die den rassistisch-antisemitischen Geist, die Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus in aller Deutlichkeit zutage treten ließen.Einige Entwürfe für die "Entjudung" Restpolens, von der später so angesehene Forscher wie Theodor Schieder (1909-1984) und Werner Conze (1910-1986) mit den Worten der Herrenmenschen sprachen, sollten sogar in praktische Politik umgesetzt werden.Es kommt also nicht von ungefähr, daß Götz Aly und andere Historiker der Enkel-Generation von "Vordenkern der Vernichtung" und "Begleitforschung zum Holocaust" sprechen.

Sich allerdings nur auf einige große Namen zu stürzen und diese zu entlarven, führt in die Irre.Der Nationalsozialismus lebte in erster Linie von der massenhaften Zustimmung und Mitarbeit.Die zahllosen Namenlosen, die ganz normalen Deutschen gaben dem Regime über zwölf Jahre seine Stabilität.Da machten die Historiker und andere Berufsstände keine Ausnahme.Machthunger, Opportunismus und Karrierismus, gepaart mit Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der jüdischen Kollegen - das waren einige Motive für das Mitmachen vieler.Insofern hat der Münchener Neuzeithistoriker Winfried Schulze recht: Das Bild der eigenen Disziplin muß neu gezeichnet werden - endlich, muß man hinzufügen.Die Berufsgruppe, die sich professionell mit der Vergangenheit beschäftigt, ist die letzte, die sich nun auch mit der eigenen unrühmlichen Geschichte auseinandersetzt.Dazu gehört auch die wichtige Frage nach dem individuellen Warum.In Frankfurt kam dieser Aspekt etwas zu kurz, ebenso wie die Frage nach Kontinuitäten und Seilschaften - von der Weimarer Republik über das Dritte Reich bis zur Bundesrepublik.Doch die letzten Worte sind da ohnehin noch nicht gesprochen.Es muß ja nicht mit einem kollektiven Vatermord enden.

Neben der braunen war auch die rote Diktatur ein wichtiges Thema des viertägigen Historikertreffens.Drei Sektionen beschäftigten sich mit der untergegangenen DDR.Die Vorträge und Diskussionen zu diesem Teil der deutschen Geschichte hatten teilweise jedoch einen ganz anderen Charakter als jene über die Nazi-Zeit.Es wurde oft geschmunzelt und gelacht.So, wenn Stefan Wolle über den Alltag im realexistierenden Sozialismus aus eigener Erfahrung, die Lufthoheit des Westfernsehens und die "Intershops als heilige Grale deutsch-deutscher Gemeinsamkeit" mit launigen Anekdoten berichtete.Das hatte selbstverständlich immer einen ernsthaften Hintergrund, machte aber auch Spaß.

Zudem wurde in Frankfurt deutlich, daß die DDR-Forschung derzeit eine der fruchtbarsten Disziplinen der Geschichtswissenschaft ist.Es gibt vieles zu entdecken, zahlreiche Fragen sind noch lange nicht befriedigend beantwortet: Was war das eigentlich im November 1989? Eine friedliche Revolution? Eine nicht gemeisterte Kommunismuskrise? Nur eine Wende? Ein Kollaps, der in einer Reihe mit den Zusammenbrüchen 1918, 1933 oder 1945 steht? Alles eine Frage der Sichtweise.Das macht die Sache spannend.Ebenso wie die Überlegung, was diese DDR überhaupt war.Vielleicht ja wirklich eine sozialistische Konsensgesellschaft, wie Martin Sabrow den untergegangenen Staat nannte.Die ehemalige Bürgerbewegung wird dazu einiges zu sagen haben.

Ein Thema indes suchte man auf dem Historikertag vergebens: das Schwarzbuch des Kommunismus.Seltsam, daß diese Kontroverse über die Verbrechen der Stalins und Pol Pots, welche in den vergangenen Monaten die Gemüter arg erregte, in Frankfurt keiner weiteren Erwähnung wert war.Desinteresse? Womöglich.Vermutlich waren die deutschen Historiker 1998 einfach zu sehr mit sich selbst und ihrer Vergangenheit beschäftigt.Das ist ausnahmsweise gut so.

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