Kultur : Am Meer

Mariss Jansons triumphiert bei den Philharmonikern.

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Unter Dirigenten gibt es die Spielen-Lasser und die Zuchtmeister, die Kontrollfreaks, die jeden Schnaufer modellieren, und die Auratiker, die Stimmungen schöpfen, mehr von der Leber weg. Mariss Jansons kann beides, wie es sich gehört, und die Art und Weise, wie aus dem einen das andere entsteht, die Momente des Übergangs, sie lassen einem in seinen Konzerten gern das Herz stehen. Wie die wahrhaft glänzenden Philharmoniker sich beispielsweise in die Kadenz des langsamen Satzes von Bohuslav Martinus zweitem Violinkonzert einzufädeln verstehen, Tonleitersprosse für Tonleitersprosse, ist ein solch magischer Moment, trudelnd und doch bis zum Zerreißen gespannt.

Der Beginn der Ouvertüre zu Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ ebenfalls, wenn alle auf der Stuhlkante sitzen, weil die kleinste Unebenheit der Streicher das ganze rhythmische Gefüge zum Einsturz bringen könnte – und weil Präzision letztlich wenig mit der Länge des Bogenstrichs zu tun hat und viel mit dem Gespür für Transzendenz. Ein Krimi, wie die Geigen dies meistern, herrlich die Blitze der Piccoloflöte, die Jansons alias Jupiter schleudert und die aller böhmischen Folklore ungemütlich scharfe Konturen geben. Auch der Geiger Frank-Peter Zimmermann betört bei Martinu vor allem durch die Klarheit seines Tons, durch das Ringen um die Essenz jenes 1943 komponierten bittersüßen Abschiedsgesangs vom alten Europa.

Beide Stücke aber rühren letztlich nur die emotionalen Valeurs an für Dvobáks Symphonie „Aus der neuen Welt“ nach der Pause. Sie gehört zu Jansons Leib- und Magenspeisen, und wie der Lette sich hier in die Extreme stemmt, ohne die Partitur je zu überreizen, das sucht seinesgleichen. Allein das Klangbett für das Englischhorn-Solo im zweiten Satz (überwältigend: Dominique Wollenweber): diese Osmose, dieser Hauch einer lyrischen Geste nur, dieser Mut zum Ausformulieren ohne jede Rührseligkeit! Umgekehrt vergisst der mit schrundigen Fortissimi gesättigte Hexensabbat, den Jansons im Finale entfesselt, niemals die Form, der er sich verdankt. Und niemals die Musik, das Singenwollen über den Atlantik hinweg und alle irren Zeitläufte hinaus. Begeisterungsstürme (noch einmal heute, 20 Uhr). Christine Lemke-Matwey

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