Kultur : Am offenen Herzen

Alles eine Luftblase? Das neue Grazer Kunsthaus ist eröffnet

Paul Kreiner

Kulturhauptstadt Europas? Damit gibt sich die Metropole der Steiermark nicht zufrieden. Graz hat nun, meint es, die Weltspitze erklommen. Dauerhaft. Mit der „Zukunft als Grundstein“, wie man beim festlichen Anlass so schön sagte. Und wenn die steirische Ministerpräsidentin Waltraud Klasnic dabei von einer „Freude für die kommenden Generationen“ sprach, hatte sie ausnahmsweise keine Rentenreformen im Sinn. Nein, sie rühmte das frisch eröffnete Kunsthaus in Graz.

Als „friendly alien“ ist der Bau über eine Stadt gekommen, deren barockes Zentrum zum Weltkulturerbe zählt. Genau gegenüber der Altstadt quillt die blaue Blase aus dem biedermeierhaften Schachtelwerk ziegelroter Dächer, einem deplatziert gelandeten Ufo gleich. „Biomorph“ nennen die Londoner Architekten Peter Cook und Colin Fournier ihr Werk; was sie in Graz geschaffen haben, mutet an wie das anatomische Modell eines Herzens, mit den Ansätzen dicker Adern, welche im neuen Grazer Architekturdeutsch „nozzles“ heißen und in Wahrheit rüsselförmige Lichtöffnungen sind.

Ein spektakuläres Haus, gewiss. Und mit britisch unterkühltem Jubel präsentiert Colin Fournier das Modell, mit dem er seinerzeit den Architektenwettbewerb gewonnen hat: Ob jemals ein so kühner Entwurf irgendwo auf der Welt so originalgetreu umgesetzt worden sei? Man ist versucht, die Gegenfrage zu stellen: Hat jemals ein Architekt so eine Mogelpackung vorgezeigt? Denn Fournier hat Recht: Die Verwirklichung sieht aus wie der Entwurf. Aber im Lauf der bautechnischen und finanziellen Umsetzung ist eben nur das Aussehen übrig geblieben. Cook und Fournier wollten eine leicht und flockig schwebende Wolke schaffen, ein schwerelos gläsernes blaues Gebilde, geheimnisvoll leuchtend, so etwas wie das erste Weltwunder des dritten Jahrtausends.

Nun aber steht es. Und wenn man mit dem Laufband – „Travelator“ soll man dazu sagen – in die Blase hinauffährt, deren „Hülle durchschneidet“, dann landet man nicht in einer mystischen Kathedrale, sondern in einem bunkerartigen, betongrauen Ausstellungsraum, der genauso gut tief im Bauch von Mutter Erde liegen könnte. Ein Stockwerk höher, unter dem düsteren Blasengewölbe, dem nicht einmal Loriot ein „frisches Steingrau“ attestieren könnte, fühlt man sich wie in der Kommandozentrale von Raumschiff Enterprise. Die „nozzles“ lassen wenig Licht durch, und nur an einer Stelle öffnet ein Bullauge den Blick zum Schlossberg.

Bautechnik, finanzielle Zwänge, Brandschutz, Wärmedämmung und das Röhrenwerk der Haustechnik haben der Blase ihr Leben genommen. Statt mit lichtem Glas umhüllt ist die Wolke nun in Stahl und hermetisch blickdichte Folien eingeschlagen. Die außen aufgeschraubten, graublauen Acrylplatten wirken wie eine traurige Erinnerung an einen fernen, großartigen Entwurf. Sie dienen nurmehr der Dekoration.

Bautechnisch angelegt ist die Blase als umgedrehter Schiffsrumpf mit Stahlprofilen als Rippen und Spanten; durchaus eine Herausforderung an den Stahlbau von heute. Den Einwänden, gemessen an den lichtdurchfluteten ersten Stahl-Glas-Konstruktionen aus dem 19. Jahrhundert sei die Grazer Höhle ein Rückschritt, begegnet man mit dem Hinweis, die Bahnhöfe, Messehallen, Palmenhäuser und Orangerien von damals hätten nicht den Anforderungen eines modernen Museums genügen müssen. Sie hätten, nur als Beispiel, in keiner Weise jene Temperatur- und Klimastabilität gewährleisten müssen, die heute für die Ausstellung teurer Kunstwerke erforderlich sei.

Schade trotzdem und überdies paradox. Denn exakt am selben Ort, auch noch einbezogen in das neue Kunstwerk, steht das „Eiserne Haus“, entstanden zwischen 1848 und 1852, die erste Gusseisen-Architektur Mitteleuropas. Riesenfenster. Raumhoch. Ein größerer Widerspruch zwischen den realisierten Möglichkeiten von einst und den preisgegebenen von heute lässt sich kaum denken. Colin Fournier gibt zu, die Grazer Blase stehe architektonisch „an der Wegscheide“ zum 21. Jahrhundert. Möglicherweise wird das Werk zu einem Meilenstein der Baugeschichte. Ein äußerlich imposantes Museum und Wallfahrtsziel ist es schon jetzt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben