Kultur : Am Pult der Zeit

Die traditionsreichen Auktionshäuser im deutschsprachigen Raum modernisieren sich mit Augenmaß

Michael Zajonz

Varia-Versteigerung in einem traditionsreichen Berliner Kunstauktionshaus: Das Durchschnittsalter des Publikums liegt klar jenseits der 50. Gerade hat eine Kollektion klassizistischer Eisenkunstgussplaketten für verhaltene Zustimmung im Saal gesorgt. Nun sind die Möbel an der Reihe. Der Auktionator hebt beschwörend die Stimme: „Meine Herrschaften, eine Biedermeierkommode für nur vierhundert Euro!“ Vergeblich, keine Hand rührt sich, das gut erhaltene Stück geht zurück. Eine schöne Kommode. Aber eine traurige Veranstaltung.

Sicher, Berlin gilt noch immer als schwieriges Pflaster, seit dem physischen und mentalen Exodus seines Bürgertums nach 1933. Doch wüsste man auch an anderen deutschen Kunsthandelsplätzen nur allzu gern, wie sich ein junges und nun, mit der Retrowelle, vorrangig auf die ästhetischen Eskapaden der eigenen Elterngeneration fixiertes Publikum vom Sexappeal echter Antiquitäten überzeugen lässt. An finanziellen Hürden dürfte es jedenfalls nicht scheitern. Robin Straub, Inhaber des Stuttgarter Auktionshauses Nagel, rechnete unlängst im Handelsblatt vor, dass sich bei ihm Studenten nachhaltiger und damit preiswerter als bei Ikea einrichten können.

Durchschnittlich bringt ein Los in deutschen Auktionen nicht mehr als 2000 Euro. Neben Objekten für den gepflegten Haushalt dominieren klassische Sammlerstücke: Bilder, Bücher, Briefmarken. Auktionshäuser bieten nicht nur, nein, sie sind oft charmante Restposten Alteuropas. Nur wie erhält sich ein Gemischtwarenladen, in dem von Opas Orden bis zum Picasso alles unter den Hammer kommt, konkurrenz- und zukunftsfähig?

Seit den Neunzigerjahren vollzieht sich an der Spitze der wichtigsten Auktionshäuser im deutschsprachigen Raum ein Generationswechsel. Neumeister in München, Ketterer in München und Hamburg, Van Ham in Köln: Die Gründer treten ab. Kaum eines der – an der angelsächsischen Großkonkurrenz Sotheby’s und Christie’s gemessen – kleinen bis mittelgroßen Häuser, die den deutschen Markt bestimmen, in dem kein junger Geschäftsführer nachgerückt ist. Vom alteingesessenen Wiener Dorotheum bis zum Zürcher Edelversteigerer Galerie Koller: Wo man hinschaut, regieren Mittdreißiger.

Diese gut ausgebildeten Geschäftserben und Quereinsteiger – Frauen stellen im gehobenen Kunsthandel noch immer eine Minderheit – müssen sich trotz Rekordergebnissen bei Spitzenlosen um den breiten Kundennachwuchs sorgen. Der Mittelstand, so heißt es, ist verunsichert und spart; klassisch-humanistische Bildungsinteressen, und mit ihnen das Verständnis für die Inhalte alter Kunst, scheinen bedroht; das öffentliche Bild des Sammlers definiert sich beinahe ausschließlich über Zeitgenössisches.

Henrik Hanstein, seit 1976 geschäftsführender Gesellschafter des umsatzstärksten deutschen Kunstauktionshauses Lempertz in Köln (Jahresumsatz 2003 ca. 30 Millionen Euro) und gewissermaßen Lehrmeister der jungen Generation, versteigerte 1984 als erster hier zu Lande zeitgenössische Kunst und Fotografie: „Mit den Fotoauktionen brauchten wir vier, fünf Jahre bis zum wirtschaftlichen Erfolg. Dann sind alle aufgesprungen.“ Auch kleinere Häuser folgten dem Modell: Markus Eisenbeis, Mitte 30 und seit 1996 geschäftsführender Gesellschafter des Kölner Lokalmatadors Van Ham, erweiterte den angestammten Schwerpunkt Malerei des 19. Jahrhunderts 1997 um Klassische Moderne und 2000 um Fotografie. Den deutschen Auktionsrekord für ein Gemälde erzielte das kleine Haus im Juni 2001 jedoch mit 4,7 Millionen Mark für die Genreszene „Der Zahnarzt“ des Rembrandt-Schülers Gerrit Dou. Und die Spannbreite bei Qualität und Preisen im Auktionsmarkt scheint sich weiter zu erhöhen. Über den von ihm mitgegründeten Internetversteigerer ExtraLot.com setzt der studierte Kunsthistoriker und Betriebswirt Eisenbeis monatlich rund 2500 Arbeiten zu Preisen von 200 bis 300 Euro ab: Multiples und Restauflagen von Druckgrafik.

Auch das 1707 gegründete Wiener Dorotheum leistet sich mit One-Two-Sold ein Internetauktionshaus als Schwesterunternehmen. Dabei sei cross selling zwischen Internet-Bietern und dem Kundenstamm des Hauses bestenfalls „ein schöner Nebeneffekt“, bedauert Martin Böhm, mit 39 der älteste der drei Dorotheum-Geschäftsführer. Seit der Privatisierung des größten Auktionshauses im deutschsprachigen Raum (Umsatz bei Auktionen 2003 ca. 70 Millionen Euro; gehandelt wird zudem mit Juwelen und Pfandkrediten) Ende 2001 modernisiert der Betriebswirt behutsam den in 40 Sparten aufgefächerten Auktionssektor.

Neben zeitgenössischer Kunst, Fotografie und Design setzt er auch auf neues Altes: Asiatika, Musikinstrumente, Wissenschaftsgerät und Globen. „Unsere Spartenbreite“, so Böhm, „sehen wir auch perspektivisch als absoluten Vorteil.“ Eine gesteigerte Internetpräsenz könne zwar Schwellenängste nehmen, doch wenn es um Details und sinnliche Eindrücke gehe, hält Böhm eine persönliche Inaugenscheinnahme des Objekts der Begierde für unverzichtbar.

Eine Händlerweisheit, die Robert Ketterer, der 1994 mit 25 als jüngster deutscher Auktionator die Geschäftsleitung von seinem Vater übernahm, teilt. Zwar wurde in dem auf deutsche Expressionisten spezialisierten Haus schon 1980 eine – damals ganz unüblich – Computeranlage installiert. Doch der persönliche Kontakt, etwa bei Vortragsabenden mit Partnern wie American Express, ist oft effektiver: „Wir werben so jüngere Kunden, ohne dass wir Adressen kaufen müssten.“ Inzwischen erreicht Ketterer per Mailing 25000 von seinen 120000 Kunden.

Durch die Veröffentlichung von Katalogen und Ergebnislisten im Internet sei der Auktionshandel in den letzten Jahren viel transparenter und glaubwürdiger geworden, meint Cyril Koller. Ein Verdienst seiner Generation, findet der 1967 geborene Kunsthistoriker, der gerade die Leitung des bedeutendsten Schweizer Auktionshauses (Umsatz 2003 rund 50 Millionen Schweizer Franken) von seinem Vater übernahm. Koller junior, der seit 1992 das Gemäldedepartement leitet, sieht die Zukunft des Zürcher Familienunternehmens weniger in thematischer Erweiterung als in verstärkter Kooperation. Die Galerie gehört – wie Lempertz und das Dorotheum – zu den International Auctioneers (IA), einer Partnerschaft von acht Auktionshäusern.

Mit der Gründung einer Aktiengesellschaft 2001 in Genf, gemeinsamen Marketingaktionen und Simultanversteigerungen entwickelt sich aus dem Netzwerk IA die viertgrößte Auktionsgruppe der Welt (nomineller Umsatz derzeit ca. 414 Millionen Dollar). Die Kleineren konzentrieren sich. Und die wenigen profilierten Neugründungen suchen Alternativen zur aufgeblasenen Angebotspalette traditioneller Auktionshäuser.

1998 gründete Askan Quittenbaum mit seiner Mutter in München das erste deutsche Auktionshaus, dass sich auf angewandte Kunst und Design „zwischen 1880 und der Gegenwart“ spezialisiert hat. Quittenbaum bedient am liebsten „eine neue Käuferschicht zwischen 30 und 45: Das sind keine Sammler, die richten nur ihre Wohnung ein – und sind anspruchsvoll, informiert, gebildet“. Es gibt sie also noch, die Bildungsbürger. Sie kaufen derzeit nur kein Biedermeier, sondern Marcel Breuer.

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