Kultur : Am Rand der Dinge Zeichnungen von Malte Spohr in der Galerie Seitz & Partner

Anja Osswald

Die Zeichnung gilt als flüchtiges Medium. Rasche Strichführung und Skizzenhaftigkeit stehen für eine mehr oder weniger lakonisch in wenigen Strichen verdichtete Idee. Ganz anders sind dagegen die Zeichnungen von Malte Spohr: In minutiöser Feinarbeit werden waagerechte Bleistiftlinien millimetergenau parallel zueinander gesetzt, ergeben grautonige, zuweilen mit Kugelschreiberblau farblich akzentuierte Raster, deren Dichte je nach Frequenz der gesetzten Striche lichte und dunklere Zonen entstehen lässt. Die Linien graben sich ein und verbinden sich mit dem Träger zu einem fast stofflich wirkenden Gewebe, das amorphe Formgebilde hervortreibt.

Jede dieser Zeichnungen (zwischen 880 und 4400 Euro) ist eine Art Zeitverdichtungsmaschine. Sie macht die Zeit sichtbar, die zu ihrer Herstellung verwendet wurde. Als Betrachter folgt man den Linien Zeile für Zeile und studiert die langsamen Übergänge der wechselnden grau- und blaustrichigen Passagen. Was sich aus der Abfolge und unterschiedlichen Dichte der Linien an gegenständlichen Assoziationen ergibt, ist eher nebensächlich, obgleich jede der Zeichnungen auf gegenständliche Motive zurückgeht. Vorlage bilden Fotografien des Künstlers: Schattenreflexe von Bäumen und Wolkenformationen – immer geht es um Beobachtungen an den Rändern der Dingwelt, Momentaufnahmen, die im Foto stillgestellt sind. Die nachträgliche Bearbeitung der Fotovorlagen am Computer ermöglicht dabei ein Wegretuschieren überflüssiger Details aber auch die Entstehung neuer, zufälliger Formenkonstellationen. Es ist dieser arretierende Moment, der den Berliner Künstler interessiert: „Wenn man eine Zeichnung oder ein Foto macht, hält man etwas fest. Dieser Gegensatz von vergehender und stillgestellter Zeit beschäftigt mich.“

Malte Spohrs Arbeiten beziehen ihre Intensität aus Spannungsverhältnissen. Zu den Gegensätzen von Moment und Dauer, fotografischem Ab-Bild und zeichnerischer Konkretheit kommt die Spannung zwischen handwerklicher Präzision und der daraus resultierenden Rasterstruktur, die an den aus einzelnen Pixeln zusammengesetzten Aufbau eines Fernsehbildes erinnert. Diese Ambivalenzen spiegelt nicht zuletzt der Titel „North by Northeast“ wider, den Malte Spohr seiner Ausstellung in der Galerie Seitz & Partner gegeben hat und mit dem zwei Fährten gelegt werden. Die eine ist meteorologischer Art und stellt eine assoziative Verbindung zu den Wolkenformationen als bildlicher Vorlage seiner Zeichnungen her. Die andere spielt auf einen Filmklassiker Hitchcocks an und verweist auf die Referenzen zu technologischen Bildmedien. Spohrs akkurate Linienführung kann als eine künstlerische Methode aufgefasst werden, mit der das Medium der Zeichnung gegen den Strich gebürstet wird. Dass seinen Arbeiten in einer hochgeschwindigkeitsrauschenden Gegenwart etwas buchstäblich Un-zeitgemäßes anhaftet, stellt schließlich einen letzten, äußerst wohltuend zu Buche schlagenden Anachronismus dar.

Galerie Seitz & Partner, Rosenthaler Straße 40 / 41, Hackesche Höfe, bis 12. Dezember; Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, Sonnabend 12-17 Uhr.

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