Kultur : Am seidenen Faden

Mit der Erfolgsautorin Sandra Cisneros startet heute die „Transnationale“ im Literaturhaus Berlin

Barbara von Bechtolsheim

Von

Barbara von Bechtolsheim

Als sie vor ein paar Tagen am Flughafen in Berlin ankam, wirkte sie sie wie eine weltläufige Geschäftsfrau: eckig- modische Brille, getigerter Fellmantel, strahlendes Lächeln. Was ist aus der Frau geworden, die vor einem Jahr bei einer Lesung in Chicago als Latina auftrat, mit langem, schwarzem Kleid und zyklamfarbenem Schal, üppigem Haar und indianischem Ohrgehänge? Vielleicht ist aber ist die Verwandlungskunst nur ein Zeichen für die Existenz zwischen den Welten, die Sandra Cisneros führt und für die sie in ihrem jüngsten Roman „Caramelo“ eine eindrucksvolle Metapher gefunden hat: „Das Universum ein Stück Stoff und alle Menschen verwoben“, schreibt sie. „Jeder Mensch auf der Welt mit mir verbunden und ich verbunden mit ihnen allen, wie die Fäden in einem rebozo. Wenn man an einem Faden zieht, löst sich das ganze Gewebe auf. Jeder Mensch, der in mein Leben tritt, verändert das Muster, und ich verändere die Muster dieser Menschen.“

Dieser mexikanische rebozo, ein kunstvoll gewebter Schal, könnte weit über Cisneros hinaus für jene Literatur stehen, die in den deutschen Literaturhäusern gerade unter dem Titel „Transnationale“ präsentiert wird: Sie wird von Autoren geschrieben, deren Leben mit zwei oder mehr Kulturen und Sprachen verwoben ist. Cisneros kam 1954 in Chicago zur Welt: die Mutter mexikanisch-amerikanisch, der Vater Mexikaner. Seine Sehnsucht nach der Heimat und die Gravitationskraft der tonangebenden Großmutter in Mexiko City führten zu zahlreichen Reisen und Umzügen zwischen den beiden Städten. Diese stets erneuten Aufbrüche (und sechs dominierende Brüder) schüchterten das Kind ein. Die eher introvertierte Sandra zog sich darauf zurück, Menschen und Dinge um sich herum zu beobachten. Sie studierte Literaturwissenschaft in Chicago. Der Vater glaubte, an der Universität werde sie den zukünftigen Ehemann kennen lernen. Aber sie absolvierte das Creative Writing Programm an der University of Iowa. Erst als sie ihren Chicana-Erfahrungen vertraute, fand sie ihre eigene Stimme: Fortan erzählte sie von starken Frauen, von Immigrantinnen, die ihren Witz, ihre Geistesgegenwärtigkeit und die Leichtigkeit ihres So-Seins einer fremden Umgebung entgegensetzen. 1984 erschien „Das Haus in der Mangostreet“, inzwischen ein Weltbestseller, gefolgt von dem Gedichtband „My Wicked Wicked Ways“ (1987), dann der Erzählband „Kleine Wunder“ (dt.1992).

Seit 1986 lebt Cisneros in San Antonio, Texas, sozusagen auf halber Strecke zwischen den Städten ihrer Kindheit und Jugend. Den Traum ihrer frühen Jahre erfüllte sie sich 1997, als sie dort ein Haus kaufte. Sie ließ es in einem leuchtenden Violett streichen, was, da dieses Gebäude im historischen Viertel von San Antonio gelegen ist, zu einem Skandal wurde und zwei Jahre lang die Gazetten beschäftigte – bis die Farbe von selber zu einem Lavendelton verblasste.

In San Antonio hat sie auch neun Jahre lang an ihrem jüngsten Roman „Caramelo“ (Goldmann Verlag, München 2003, 23,90 €) gearbeitet. In der Tradition der Familiensagas von Isabel Allende und Gabriel García Márquez geht es um die Suche nach einem genealogischen Geheimnis. Aber bei Cisneros sind die Menschen zuerst einmal unterwegs zu sich selbst und suchen ihre Wurzeln in einer ihnen überlegenen Fremdheit. Celaya Reyes ist die junge, wortreiche Dokumentarin ihrer Familie, eine zeitgenössische Scheherazade. Am Anfang steht die alljährliche Sommerreise der Familie auf der legendären Route 66 von Chicago nach Mexiko City, in eine farbenfrohe, schrille, laute, alle Sinne betörende Heimat. Die Erinnerungen der Großmutter spielen eine zentrale Rolle, besonders jener zarte karamelfarbene Schal, der magische rebozo. Cisneros bekennt gerne, dass sich die Metapher im Laufe des Schreibens verselbstständigte. Wobei die Familienchronik ein imaginäres Mexiko auferstehen lässt, das nur in der Erinnerung der Menschen existiert.

Spanische Worte und Redewendungen dringen in das Erzählen ein, Liedtexte, quasi-historische Anmerkungen, verblüffende bis unglaublich wirkende Anekdoten über berühmte Persönlichkeiten. Diese Erzählweise repräsentiert die Charaktere, die sind, was sie sagen und wie sie es sagen. Das Ganze im Stil einer Fernseh-Soap, als würde die Pop-Kultur das individuelle Gedächtnis überschreiben.

Tatsächlich, sagt sie, wäre ihr eine telenovela in Mexiko lieber als eine Adaption in Hollywood: So würde ihr Buch die Menschen erreichen, für die sie es geschrieben habe. Daher war ihr auch die Übersetzung ins Spanische so wichtig. Monatelang hat sie mit der Übersetzerin daran gefeilt. Die spanische Originaleinwürfe musste nun in englischen Formulierungen übertragen oder durch einen anderen Soziolekt abgehoben werden. Es war das Prüfen der Rückseite des rebozo, das gleiche Muster, nur eben seitenverkehrt.

Sandra Cisneros liest heute um 20 Uhr im Literaturhaus Berlin. Die „Transnationale“ wird dort fortgesetzt mit Sélim Nassib (26.11.) und Gary Shteyngart (28.11.).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben