Kultur : Am seidenen Faden

Wie das glänzt, schillert, glitzert: Eléonore Fauchers Filmdebüt „Die Perlenstickerinnen“

Christiane Peitz

Ein Kohlfeld im Regen. Matschige Erde, schmutzige Stiefel. Claire (Lola Naymark) wuchtet die Kohlköpfe aus dem Acker, verkauft sie, heimlich. Die Familie wundert sich über den regelmäßigen Gemüse-Diebstahl.

Schimmernde Perlen. Leise klirrende Pailletten. Samt, Seide, Chiffon. Nach Feierabend beugt sich Claire, die Supermarktkassiererin, über edle Stoffe und fabriziert fantastisch funkelnde Stores und Gewänder. Wie das glänzt, klingelt, schillert, glitzert! Ein Hobby. Ein Traum.

Claire, das Mädchen aus dem französischen Dorf, ist schwanger. Die Eltern ignorieren die 17-Jährige, die schon alleine wohnt, der Freund lässt sie im Stich, Lucile, die beste Freundin zieht in die Stadt: Claire ist eine Alleingängerin. Das Baby will sie anonym austragen und zur Adoption freigeben. Sie verkriecht sich, bei Madame Melikian (Ariane Ascaride) aus Armenien, der legendären Perlenstickerin. Madame ist erst misstrauisch, wird dann zur Komplizin; sie hat ihren Sohn durch einen Motorradunfall verloren. Zwei Einsame, die mit dem Leben hadern und sich von der Welt abschotten. Gemeinsam sticken sie die Nächte durch, erschaffen ein Meisterstück für Lacroix im fernen Paris: Kunsthandwerk als Trauerarbeit. Ein Geheimnis umgibt die Frauen.

Claire hat grüne Augen und rote Haare. Die Lockenpracht leuchtet im Gegenlicht, Sonnenstrahlen verfangen sich im Haar, während Claire demütig den Blick senkt und sehnsuchtsinnig Guillaume hinterherschaut. Guillaume (Thomas Laroppe) ist Luciles Bruder, er fühlt sich schuldig am Motorradunfall. Noch so ein Sonderling, noch ein Schmerzensmensch. Die Liebe, man ahnt es, wird schicksalhaft sein – und der Sex sehr, sehr sanft.

Eléonore Fauchers Debütfilm „Die Perlenstickerinnen“ wurde 2004 in Cannes mit dem Hauptpreis der „Semaine de la critique“ ausgezeichnet. Die Schönheit der Bilder ist zugleich ihr Problem. Sie kokettieren damit. Seht nur, wie erlesen ich bin – eine Ästhetik des Narzissmus. Überall Kunsthandwerk: Die türkise Strickjacke passt prima zum Rotschopf, die Natur gewittert im richtigen Moment oder gibt sich ebenso passend poetisch, während die Violine den Soundtrack veredelt. Faucher beherrscht die Kunst der Kontraste. Mit scharfem Messer wird der Aal in der Stube gehäutet, mit feiner Nadel die Perle appliziert. Und sie liebt Nahaufnahmen: Ackerkrume, Baumrinde, Nähmaschine, Fadenlauf. Und, immer wieder, Claires Gesicht. Der Film verguckt sich förmlich in dessen erlesene Blässe. Irgendwann mag man es nicht mehr sehen.

Vor lauter Schauwert und Symbolik vernachlässigt die Regisseurin die Glaubwürdigkeit der Figuren und die Sinnfälligkeit der Geschichte. Dass in einem Dorfmädchen eine große Künstlerin schlummert, dass die mürrische Madame Claire einfach aufnimmt – schon möglich. Aber man müsste es erzählen und glaubhaft in Szene setzen. Den „Perlenstickerinnen“ fehlt die Bodenhaftung: ein hübsches, selbstgefälliges Märchen.

Delphi, International, Cinema Paris (OmU)

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