Kultur : Am Set: Die Welt ist, was gedreht wird

Caroline Fetscher

Achtung. In Wahrheit regiert bei uns kein Schröder, und es präsidiert kein Rau. In Wahrheit regieren die Kameras. Spätestens die Berlinale bietet Gelegenheit, das zu erkennen. Überall in der Stadt sind Kamerateams jetzt ganz offen unterwegs: Leute, die andere Leute filmen, die wiederum andere Leute gefilmt haben. Sie sind auf der Jagd: Nach Stars sowieso, aber auch nach Ihnen! Nach Ihren Gefühlen, Ihren Geschichten, Ihren Gesichtern. Wir normalen Menschen haben für die Regisseure etwas Exotisches. Nichts, das nicht Futter für Filmer werden kann! Haare, Worte. Zähne! Regisseure fressen alles. Sogar bei meinem Zahnarzt sind sie schon angekommen, gestern morgen.

Geduldig lagert man auf dem weißen Sessel, in vollem Vertrauen auf den Fachmann, als plötzlich statt des ärztlichen Auges ein Riesen-Objektiv über einem schwebt. "Wir sind von Arte und drehen eine Doku über die zahntechnische Assistentin hier in der Praxis", erklärt die Regisseurin. Achso. Von Arte. Aber trotzdem, lieber nicht. Wir sind doch beim Zahnarzt, nicht "am Set". Na gut, sagen die Arte-Leute. Dann nicht.

Entronnen. Doch da draußen, zwei Berliner Straßen weiter, werkt gleich das nächste Team. Ein Grüppchen krass geschminkter Mitbürger wartet "am Set" auf den nächsten "Take", Praktikanten verteilen Schrippen, Anwohner assistieren als Publikum. Was drehen Sie denn hier? "Praxis Bülowbogen", knurrt der Kameramann gnädig. Schon wieder eine Praxis! Nochmal Film. Soviel Drehort bietet der Alltag, und das nur am Rand irgendeines Tages und neben der Berlinale. Sind wir Teil der Großen Bilderproduktion? Einer sagenhaften Megamanipulationsmaschine? Sind wir. Wir sind Bilder von Bildern, machen uns Bilder von Bildern und lassen Bilder aus uns machen. Alle.

Das ist ja Fortschritt! Das ist die größte anzunehmende Gleichheit, es ist sozial und demokratisch. Wir brauchen keine Regierung, wir haben Regie, Schauspieler, Statisten. Am Set zu sein ist zeitgemäß. Such dir einen Regisseur, der dich lebt, heißt die Devise der Stunde, denn wahr ist, was gedreht wird. Kommen Sie in keinem Drehbuch vor? Führt niemand über Sie Regie? Macht endlich jemand aus Ihrem Leben Pixelpuzzles oder Zelluloid? Dokus, Dramen, Container-Szenen oder wenigstens Container-Kritik-Szenen? Leben Sie nicht hinterm Mond, Mensch, leben Sie am Set.

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