Kultur : "Am toten Mann": Ein Grab in Deutschland

Hartmut Krug

Am 11. Juni vergangenen Jahres wurde der Mosambikaner Alberto Adriano im Dessauer Stadtpark von drei Jugendlichen zu Tode getreten. Das Gericht reagierte mit exemplarischer Härte auf die rechtsradikale Gewalttat, während in der Dessauer Öffentlichkeit eher betretenes Schweigen vorherrschte. Dem Oberbürgermeister war vor allem wichtig, dass die Täter nicht direkt aus der Stadt kamen. Zur Uraufführung des Auftragsstückes "Am toten Mann" von Anna Langhoff kam er - anders als der Ausländerbeauftragte - indes nicht. Schließlich wurden am gleichen Abend in Halle die Händelfestspiele glanzvoll eröffnet.

Anna Langhoff hat für das Anhaltinische Theater weder ein Dokumentarstück noch ein realistisch beschreibendes Drama geschrieben, sondern ein Mentalitätsstück. Die Autorin schaut unter die Oberfläche einer kranken Gesellschaft und sucht dort nach Spuren, die das Opfer im Unterbewusstsein der Menschen hinterlassen haben könnte. Man hat nichts Genaues gesehen, aber man hat Meinungen. "Wenn so einer einfach da haust...", dann kann so etwas schon mal passieren, und wie sollte man bei der Gewalttat auch eingreifen? Ein Konzert der Stimmen: Sieben Menschen lässt Langhoff auf die Gewalttat reagieren - Beobachter, die sich nicht verantwortlich fühlen.

Dabei verschränkt die Autorin, mehrere Ebenen ineinander. Erst erzählt der tote Mann aus dem Off, dann reflektiert die Witwe ihre unerfüllten Sehnsüchte. Die Menschen denken die Gedanken der Mörder, dann die des Opfers; zeitweise spricht jeder wie mit drei Stimmen. Der Mord, die Beobachtung und das Erleiden verschränken sich, und wer zusieht, ist Täter im Kopf. Dennoch käut Anna Langhoff vor allem das bekannte Einerlei von Vorurteilen und Gleichgültigkeit, von Aversionen und Aggressionen wieder.

Der Einfall der Autorin, die Spur des Opfers auch auf den Körpern der Menschen sichtbar zu machen, führt zu peinlichen Bühneneffekten. Verkleidete oder angeschwärzte Schauspieler zelebrieren mit verzerrtem Bedeutungstremolo existentielle Sätze: die Nachgedanken zur Tat als Nachtgedanken. Dabei sitzt die Autorin Klischees auf, wenn sie vom "Schwarzen" als dem Anderen mit den anderen Wahrnehmungsweisen oder als dem Widergänger spricht, der aus den Slums der Savanne komme. Statt sozialer Personen gibt es poetische Bedeutungen; die Alltagssprache des Stückes wird von einer angestrengten Kunstsprache im Heiner-Müller-Sound übertönt. Und zum Schluss sterben alle an den Gefahren der afrikanischen Natur, von denen sie in Gedanken heimgesucht werden.

"Das Stück spielt in Deutschland. An einem Grab. Das Grab liegt in Afrika." Also erklingen in Werner Tritzschlers Inszenierung ein verfremdetes Deutschlandlied, Trommelrhythmen und der Schlager "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein". Man sieht einen Ausflug fröhlicher Weißer im offenen Trabi und Filmbilder von afrikanischen Landschaften. Der Regisseur versucht, Langhoffs vielstimmig-einstimmiges Hörspiel in szenische Bewegung zu bringen, indem er die Zuschauer auf die Drehbühne setzt und zwischen den Szenen im Kreis fahren lässt - eine redundante Versuchsanordnung.

Anna Langhoffs redlich engagiertes, aber misslungenes Gegenwartsstück wird von der Dessauer Uraufführungs-Inszenierung ein peinlich lärmendes Begräbnis bereitet. Die Autorin blieb ihr mit gutem Grund fern.

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