Kultur : Am Ziel

Neues aus der Lindenstraße: Günter Berg verlässt Suhrkamp

Marius Meller

Für Buchmenschen lag die Lindenstraße immer schon in Frankfurt am Main. Dort befindet sich die Zentrale des ehrwürdigen Suhrkamp Verlags, der seit Wochen die Literaturwelt auf Trab hält. Nein, nicht nur die Literaturjournalisten brachte das Suhrkamp-Drama auf Trab: Denn die Wellen der Berichterstattung über ein „geistiges Zentrum der Bundesrepublik“ – so las und liest man nicht selten – schwappten kürzlich bis in die Boulevardpresse und wieder zurück in die Höhenkamm-Feuilletons, wo sie bis knapp unter die Gürtellinie ausschlugen. Und auch nicht erst seit der diesjährigen Buchmesse im Oktober treibt uns die Lindenstraße um, seit die Presseabteilung des Verlagshauses den Machtkampf in der Chefetage gegenüber dem Tagesspiegel öffentlich machte. Sondern seit fast einem Vierteljahrhundert, seitdem für den großen Patriarchen, den im letzten Herbst verstorbenen Verleger Siegfried Unseld, ein Nachfolger gesucht wurde.

Den Buchmenschen ist die Frankfurter Lindenstraße weit lieber als die in München, nicht nur, weil es um das materielle Gehäuse großer Geister wie Benjamin, Scholem, Bloch, Blumenberg, Habermas und Handke geht. Sondern auch, weil alle Bedingungen der Intellektuellen-Reality-Soap auf höchstem Niveau erfüllt sind: Der Patriarch baut seinen Sohn Joachim zunächst nach dem Prinzip der Familienthronfolge zum Nachfolger auf und wirft ihn dann 1991 hochkant aus dem Verlag, nachdem er sich zuvor von seiner Frau, Joachims Mutter, getrennt und eine seiner Autorinnen, Ulla Berkéwicz, geehelicht hat. Dann probiert Unseld ein Jahrzehnt lang die Adoptivkaiserschaft aus – erfolglos. Gottfried Honnefelder, Arnulf Conradi, Thedel von Wallmoden und Christoph Buchwald ereilte allesamt das gleiche Schicksal. Sie wollten Suhrkamp vor der Musealisierung bewahren und zukunftsfähig machen, aber scheiterten am übermächtigen Chef, der nicht wahrhaben wollte, dass eine Epoche zu Ende ging. Die Geschassten sind alle heute in Führungspositionen wichtiger Verlagshäuser, oder haben gar ihre eigenen erfolgreichen Verlage.

Nun hat es auch den letzten der Kronprinzen erwischt, ein Jahr nach dem Tod des Patriarchen. Günter Berg, immerhin vierzehn Jahre im Hause tätig, wurde vom schon kranken Unseld zum verlegerischen Geschäftsführer ernannt und bewährte sich nach dessen Tod nicht nur in der Zeit der Debatte um die als antisemitisch verdächtigten Bücher von Martin Walser und Ted Honderich.

Der Hintergrund: In einem komplizierten Institutionenschema hat die Witwe Unselds, Ulla Berkéwicz, zwar mit 51 Prozent die Anteilsmehrheit und letztlich die Entscheidungshoheit; sie sollte sich aber – nach der Verlagsverfassung, die Unseld hinterließ – nur beratend in das Tagesgeschäft einmischen. Sie steht dem so genannten Stiftungsbeirat vor, einer Art Aufsichtsrat, dem die alten Kämpen der Suhrkamp-Kultur Kluge, Habermas, Muschg und Enzensberger sowie der Hirnforscher Wolf Singer angehören.

Auf der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober erhärtete sich nun das Gerücht, dass Berkéwicz nach Ablauf des Trauerjahres die Verlagsleitung aktiv ausüben wolle, und dass es zu einem Showdown zwischen dem letzten Kronprinzen und der Erbin kommen würde (Tagesspiegel vom 17. 10.). Viele Beobachter äußerten Unverständnis und Sorge darüber, dass einem erfahrenen Verlagsmanager die Macht zugunsten der Witwe Unseld, die über keine verlegerische Ausbildung verfügt, aus den Händen genommen werden sollte. Aber genau das geschah.

Zunächst erweiterte Berkéwicz die Geschäftsführung, die bis dahin – nach Unselds Willen – aus Berg und dem kaufmännischen Geschäftsführer Philip Roeder bestand, um sich und ihren Vertrauten, den Cheflektor Rainer Weiss. Sie wurde zur Chefin der Geschäftsführung, Berg war nur noch ihr Vertreter. Als nun letzte Woche – wie aus Kreisen zu hören ist, die dem Verlag nahe stehen – ein internes Organigramm erstellt wurde, durch das die Kompetenzen von Günter Berg weiter beschnitten wurden (er sollte sich nur noch um Verkauf und Vertrieb kümmern), protestierte dieser. Das musste zwangsläufig zur Trennung führen.

Der Stiftungsbeirat reagierte langsam, obschon er mehrheitlich diese Entwicklung wohl nicht gutheißt. Der Beirat bekam jedenfalls, laut Alexander Kluge, das ominöse Organigramm nie zu Gesicht. Zur Trennung von Berg wurde er nicht konsultiert. Eine von Habermas einberufene Krisensitzung Anfang November konnte aus Termingründen nicht stattfinden. Nun wird der Beirat am 3. Dezember tagen und nur noch rückblickend seine Ohnmacht konstatieren können. In der Gerüchteküche wird sogar schon die (Selbst-)Auflösung des Beirats beraunt.

Demnächst auf diesem Kanal: neue Episoden aus der Lindenstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar