Kultur : Amazonia-Festival: Die Musik der Vogelfliege

Volker Michael

Wie klingt eine Welt, in der Schmetterlinge so groß wie Taschentücher sind, Spinnen so groß wie Mäuse und Fliegen so groß wie Vögel? Wahrscheinlich gibt es im amazonischen Regenwald auch noch unentdeckte Flussarme, Pflanzen, ja sogar Menschen. Dem undurchdringlichsten Gebiet der Erde widmet sich das "Festival Traditioneller Musik" in Kooperation mit den "Freunden guter Musik" und gemeinsam mit der 14. Ausgabe des Avantgarde-Festes "Urban + Aboriginal". Damit tragen die Veranstalter der Tatsache Rechnung, dass in kaum einer Region der Erde noch unberührte Musikstile existieren und dass Madonna und Hollywood auch im letzten Dorf Spuren hinterlassen haben.

Das "Amazonia"-Festival präsentiert jetzt Musiker und Tänzer aus einer Region, die noch am ehesten originäre Musik bietet. Zu ihrem ersten Auftritt außerhalb Brasiliens kommen Vertreter des aus nur noch 450 Menschen bestehenden indigenen Volkes der Xavante, die erst seit 50 Jahren in Kontakt zur außeramazonischen Welt stehen. Ihre Performance muss am offenen Feuer, also draußen stattfinden. Sie umgehen damit das Problem, dass eine lebendige dörfliche Zeremonie, die seit Jahrhunderten einem religiösen Zweck dient, auf der Bühne eines Konzertsaals blässlich erscheint.

So erging es beispielsweise den "Tambores da Curiaú", den Trommlern aus dem Amazonas-Dorf Curiaú. Die Nachfahren afrikanischer Sklaven, die im 18. Jahrhundert in den Regenwald geflohen waren, bestritten den Auftakt des Festivals mit Ausschnitten nächtlicher Heiligenfeste. Erst am Ende ihres Auftritts konnten die vier Trommler und die beiden alten Sänger sich ein wenig entfalten. Doch da mussten sie - nach gerade einer halben Stunde - schon Platz machen für die nachfolgenden Gruppen, die urbane Pop- und Liedkunst boten. Es bleibt eben ein nicht von vornherein auszuschließendes Risiko bei dieser konzertanten Mischform, dass die traditionellen Stile neben den modernen uninteressant wirken.

Nilson Chaves ist ein sympathischer Liedermacher, der in seinen Songs Partei für den Amazonas und seine Bevölkerung ergreift. Denn nicht nur Urwüchsigkeit, unermesslichen Artenreichtum und Unverfälschtheit verheißen der Regenwald und die in ihm lebenden Menschen. Der Amazonas ist auch ein Symbol für die Unterdrückung und Ausbeutung der "Wilden" und der Natur. Wenn die Stämme heute ihre Rituale in Europa vorführen, dann behaupten sie mit diesem kulturellen "Exhibitionismus" ihre Existenz. Die Xavante haben ihren Auftritt selbst und in vollem Bewusstsein darüber konzipiert, dass sie ihre traditionelle Kunst Menschen vorführen, die keinerlei Vorkenntnisse über ihre Kultur besitzen. Der Liedermacher Chaves glaubt zwar, dass die Amazonas-Kultur in Brasilien selbst weitgehend unbekannt ist. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass randständige Kulturen über den Umweg über Europa in ihren Heimatländern die überfällige Anerkennung finden.

Chaves kommt aus der Amazonasmetropole Belém, in der Sänger wie Pinduca den Lambada entwickelten. Er setzt auf feine akustische Farben, seine Musik ist fantasievoll, nachdenklich. Vor kurzem hat er seine erste CD in Europa herausgebracht, gleichzeitig mit dem "Quarteto Senzalas" aus Macapá, einer Gesangsformation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Musik Amazoniens auf hohem Niveau popfähig zu machen.

Am ersten Avantgarde-Abend zeigte unter anderem der britische Musikpublizist und Performance-Künstler David Toop in seiner aktuellen Arbeit "A Journey Sideways" sicht- und hörbares Material von einer Reise zu den Yanomami im südvenezuelanischen Amazonasgebiet. Dokumentiert wurden die extrem körperbezogenen Praktiken einer schamanistischen Krankenheilung. Nicht nur Riesenspinnen und Vogelfliegen, menschliches Brüllen, Spucken, Zucken und Erbrechen, sondern auch der Verzehr von Asche Verstorbener beeindruckten Toop zutiefst. Nach seiner Rückkehr aus dem Regenwald ging er ins nächste kleinstädtische Kino. Dort lief ein US-Science-Fiction-Horrorfilm, der sich dem Thema Ernährung auf seine Weise widmete: Auf dem Speiseplan stand eine grüne Paste aus recyceltem Menschenmaterial. Die menschliche Zivilisation scheint ein Kreislauf zu sein.

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