Kultur : Amboss und Holzpantinen

Im FORUM dokumentiert „Le Cousin Jules“ das bäuerliche Leben in Burgund.

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Eigentlich wollte Dominique Benicheti diesen Film ja in 3D drehen. Doch Anfang der 1970er war das nur ein schöner verrückter Traum. Jedenfalls für einen gerade erst aus der Filmschule entlassenen jungen Dokumentarfilmer, der das Leben seiner Verwandten im ländlichen Burgund auf Film bannen wollte: Ein altes Ehepaar auf einem einsamen Hof in unberührter Landschaft, wo es moderne Technik nicht gibt, dafür viel mit eigener Hand Geschaffenes, dazu einen Ziehbrunnen, ein paar Hühner, einen Karren und ein Pferd. Und eine im Lauf der Jahrzehnte geschaffene arbeitsteilige Routine, die Worte nicht mehr nötig hat. Félicie fegt den Hof und kocht Kaffee auf dem Holzofen. Jules hämmert in der anliegenden Schmiede mit Geschick und lautstarker Hilfe eines großen Blasebalgs aus einem Eisen einen kunstvollen Haken.

Benicheti ahnte, dass das handwerklich-bäuerliche Leben von Jules und Félicie kurz vor dem Aussterben stand und wollte es entsprechend würdigen. Gedreht hat er den Film dann auf eigene Faust in Cinemascope, Eastman-Colour und Stereoton – nach langen Vorarbeiten und minutiöser Planung von Drehbuch und Szenenauflösung: Was jetzt aussehen mag wie schnell an ein paar Tagen abgedreht, dauerte in Wirklichkeit fünf Jahre. So sitzt im fertigen Film jede der langen Einstellungen und jeder Ton wie angegossen. Die Klänge des bäuerlichen Alltags zwischen Amboss und Holzpantinen geben ein grandioses Konzert für sich: Benicheti, der auch Musiker und ein begnadeter Tüftler war, hatte sich eigens eine Technik ausgedacht, um wenigstens im Klang die erwünschte Dreidimensionalität zu erzielen. Kompositorisch ist „Le cousin Jules“ ein Gedicht. Und dann entspinnt sich aus den alltäglichen Abläufen doch noch – wie nebenbei erzählt – eine Geschichte von einigem Gewicht.

1973 wurde der Film endlich fertig und auf Festivals weltweit gefeiert. Doch in den regulären Verleih kam der Film nie, auch weil viele Arthouse-Kinos keine Cinemascope-Projektoren besitzen und Benicheti sich weigerte, den Film in einem anderen Format vorführen zu lassen. Nach der Restaurierung für das New York Film Festival 2012 wurde „Le cousin Jules“ gestern zur Eröffnung des diesjährigen Forums auch im überfüllten Delphi bejubelt. Enttäuschend nur die allzu makellose kalte Glätte der aufwendig digital restaurierten Kopie – auch deswegen, weil wir uns an solches wohl gewöhnen werden müssen. Dominique Benichet starb vor Vollendung der Restaurierung im August 2011. Silvia Hallensleben

12.2., 12.30 Uhr (Arsenal 1)

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