Kultur : Ambrosia now!

Eine

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von Jens Mühling

Ambrosia, ach! Speise der Götter, gereicht zu erquickendem Nektar, dem menschlichen Verzehre nicht zuträglich. Denken wir da nicht zuallererst an Homer? An göttliche Gelage im Olymp, an das karge Brot der Sterblichen? Der fünfte Gesang der Odyssee zum Beispiel: Da weilt der göttergleiche, aber eben nicht göttliche Odysseus noch auf der Insel Ogygia, als Geliebter der Göttin Kalypso zwar, aber dennoch nicht als ranggleicher Gast an der Speisetafel, wie es die Verse 192 bis 199 in anmutigen Hexametern überliefern:

Also sprach sie, und ging, die hehre Göttin Kalypso,

Eilend voran, und er folgte den Schritten der wandelnden Göttin.

Und sie kamen zur Grotte, die Göttin und ihr Geliebter.

Allda setzte der Held auf den Thron sich nieder, auf welchem

Hermes hatte gesessen. Ihm reichte die heilige Nymphe

Allerlei Speis’ und Trank, was sterbliche Männer genießen;

Setzte sich dann entgegen dem göttergleichen Odysseus,

Und Ambrosia reichten ihr Dienerinnen und Nektar.

Nun denken wir in letzter Zeit bei Ambrosia eher an eine amerikanischstämmige Pflanze, die die „Mitteldeutsche Zeitung“ kürzlich als den „größten anzunehmenden Unfall für Allergiker“ bezeichnete. Tränen löst das Kraut aus, Augenjucken, Lichtempfindlichkeit, Kopfschmerzen und Heuschnupfen, bei besonders empfindlichen Menschen sogar Angstzustände und Asthma. Weshalb die Berliner Gesundheitsverwaltung bereits zur „flächendeckenden Vernichtung von Ambrosia“ aufgerufen hat. O tempora, o mores.

Gut, man kann vom Senat nicht verlangen, aus poetischer Rücksichtnahme die Gesundheit der Berliner Bürger aufs Spiel zu setzen. Aber wäre nicht wenigstens etwas mehr sprachliches Feingefühl bei der Abfassung von Pollenwarnungen einklagbar? Es ginge doch auch anders – in Hexametern zum Beispiel:

Eindringlich warnet und streng das berlinische Amt für Gesundheit,

Zu wehren dem Vormarsch gefährlichen Grünzeugs aus fremden Gefilden!

Ambrosia nennt sich die Pflanze, die feindliche Mächte uns sandten,

Verweichlichten Städtern verkehret sie grausam das Leben zur Hölle.

Drum scheue der Gärtner emsige Schar nicht Plagen noch Mühen,

Das Blühen des schädlichen Krautes behände im Keim zu ersticken,

Mit Stumpfe und Stiele zu tilgen dies göttergeweihte Gemüse,

Das menschlich verzehrt birget Qualen, die sterbliches Maß übersteigen.

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