American Academy: : Drei Minuten für jeden Stipendiaten

In der American Academy, die den Austausch zwischen Deutschland und den USA fördert, herrscht gute Laune: Die neuen Stipendiaten sind da. DasRitual verlief erfrischend kurzweilig.

Christiane Peitz

Gute Laune in der American Academy. Die neuen Stipendiaten sind da; der ebenfalls neue amerikanische-Botschafter Philip D. Murphy adelt das Haus am Wannsee gleich mit dem Bonmot von der anderen US-Botschaft in Berlin. Ex-Außenminister Joschka Fischer begrüßt die Gäste seinerseits mit einer kurzen Einführung in die akute Wahlkampf-Ödnis. „Yes, we gähn“: weil die deutsche Wirklichkeit zwar schon viel weiter ist (nämlich mitten im aufregend unübersichtlichen Fünf-Parteien-System), die Politik aber wohl noch ein paar Jahre hinterherhinkt. Willkommen in unserer fantastischen Stadt.

Es folgt das alljährliche, diesmal erfrischend kurzweilige Ritual. Dreizehn Stipendiaten – die Dichterin Susan Howe, der Künstler Michael Queenland, der Schriftsteller Nathan Englander, Historiker, Journalisten, Politologen – stellen in je drei Minuten sich und ihre Projekte vor.

Der Komponist Andrew Norman lässt statt großer Worte ein Miniatur-Expressivdrama erklingen: Klänge auf Kollisionskurs, Vielfalt auf engstem Raum. Es ist der Soundtrack zum Abend; eine Energieballung folgt auf die nächste. Die beiden Holtzbrinck-Fellows, die New Yorker Publizisten Laura Secor und George Packer, befassen sich mit Geschichte und Gegenwart aktueller Konflikten: der Reformbewegung im Iran sowie der US-Außenpolitik im Irak. Berlin als Stadt, in der Weltgeschichte kulminiert, immer wieder. Rick Atkinson aus Washington arbeitet als „nichtprofessioneller Einzelhandelshistoriker“ an seiner „Liberation Trilogy“ über den Zweiten Weltkrieg. Die Politologin Mary Sarotte aus L. A. untersucht die Nato und andere Institutionen des Kalten Kriegs nach 1989; Philip Zelikow beobachtet die Anfänge einer transnationalen Welt, und der Kunsthistoriker Benjamin Buchloh fördert den psychopolitischen Subtext Gerhard Richters zutage. In dessen Bildern scheinen die zentralen Ideologien des 20. Jahrhunderts auf, Faschismus, Kommunismus und Kapitalismus.

Europa und wie die Amerikaner es sehen: Besondere Neugier weckt der Nürnberger Scharfrichter Frantz Schmidt, ein hoch angesehener Bürger der mittelalterlichen Stadt, der als Henker und Folterer tätig war. Joel Harrington von der Vanderbilt University macht sich anhand von dessen Schriften Gedanken über die Todesstrafe. Jochen Hellbeck von der Rutgers University wertet bislang unbeachtete Interviews mit Rotarmisten aus, die Historiker in Stalingrad führten: Männer, die angesichts des fast sicheren Todes die Wahrheit über die Sowjetunion sagten.

Gleichwohl überwiegt an diesem Abend die fröhliche Wissenschaft. Etliche Fellows versprechen, neben ihren Sujets auch die deutschen Weine studieren zu wollen. Und wenn Leonard Barkan aus Princeton über „Hochkultur und Esskultur“ in der Renaissance räsoniert und das Interdisziplinäre seiner MichelangeloStudien darauf zurückführt, dass er sich einfach nicht auf nur ein Thema konzentrieren könne, dann wird Zerstreuung und Sinnenfreude zur akademischen Tugend. Am Montag ist Philip Glass zu Gast in der Academy.

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