Kultur : American Academy: James Cuno, Direktor der Harvard-Kunstmuseen

Bernhard Schulz

Als "Moralisten" bezeichnete er sich ironisierend selbst, und so konnte sein Vortrag denn auch füglich als Moralpredigt verstanden werden: James Cuno, Direktor der (drei) Kunstmuseen der Harvard-Universität in Cambridge. "Trends bei den amerikanischen Kunstmuseen" war die "Diskussion" zwischen Cuno und Peter-Klaus Schuster, dem Generaldirektor der Staatlichen Museen Preußischer Kulturbesitz, überschrieben, die die American Academy am Dienstagabend veranstaltete. Tatsächlich gab es einen geschliffenen Vortrag, den Cuno im Laptop mitgebracht hatte, ergänzt um frei formulierte Bemerkungen Schusters.

Cuno formulierte seine Besorgnis angesichts einer Entwicklung, die auf den ersten Blick glanzvoll scheint und auf den zweiten voller Gefahren. So habe sich die Zahl der von mehr als 200 000 Besuchern gesehenen Ausstellungen in den vergangenen vier Jahren von 14 auf 31 erhöht. Neue Museumsbauten seien allerorten im Entstehen begriffen, und fortwährend gebe es Stiftungen in Millionenhöhe zu vermelden. Was die Öffentlichkeit sehe, sei indessen das Bild "selbstbezogener Institutionen, die von ihrem eigenen Erfolg trunken" seien und die ausschließlich bestrebt seien, "reicher und reicher, größer und größer zu werden".

Das Verhältnis zur amerikanischen Öffentlichkeit, so Cuno, sei gefährdet, weil sich der Eindruck einschleiche, die Museen verhielten sich nicht korrekt. Zwei gewichtige Vorgänge stellte Cuno heraus. Der eine betrifft das Brooklyn Museum, das sich mit der Übernahme der Londoner Ausstellung "Sensation!" in eine denkbar schlechte Lage brachte. Das New Yorker Haus suchte mit der skandalträchtigen Ausstellung seine Besucherzahl spürbar zu erhöhen. Im Laufe der Vorbereitungen geriet es in eine derartige Verstrickung mit dem zugleich als Händler agierenden Londoner Großsammler und alleinigem Leihgeber, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstand, das Museum agiere als Handlanger privater Geschäftsinteressen. Die Reputation des Brooklyn Museums erlitt schweren Schaden - und mit ihr die der Museen insgesamt.

Der zweite Punkt betrifft den zunehmend erhobenen Vorwurf, US-Museen besäßen Kunstschätze zu Unrecht. Dabei handelt es sich zum einen um Objekte, die von anderen Staaten als kulturelles Erbe und damit als Eigentum beansprucht werden, einerlei ob sie nach früherer Rechtslage legal erworben worden sind oder aber illegal, zum Beispiel aus unerlaubten Grabungen. Zum anderen handelt es sich um Kunstwerke aus jüdischem Alteigentum, die durch Stiftungen oder Ankäufe aus dritter Hand gutgläubig erworben wurden, ursprünglich jedoch aus Privatbesitz geraubt worden sind.

Cuno beklagte die prekäre Reputation der amerikanischen Museen, die in der Öffentlichkeit allzu stark als "elitäre", allein mit den rich & famous verbandelte Institutionen erscheinen, während sie tatsächlich (auch) aus Steuermitteln unterhalten werden. Der Harvard-Museumschef warnte nachdrücklich davor, die "ethischen Standards" des Museums aufzuweichen, und unterstrich die Kernaufgabe der Museen, Kunstschätze zu sammeln und zu bewahren "zum Wohle der Öffentlichkeit jetzt und in Zukunft".

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