American-Academy-Präsident im Interview : „Wir wollen mehr junge Leute erreichen“

Gerhard Casper, Präsident der American Academy in Berlin, über die Zukunft des Hauses, die NSA-Affäre und Obama.

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Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Die Academy am Unabhängigkeitstag, 2011.
Deutsch-Amerikanische Freundschaft. Die Academy am Unabhängigkeitstag, 2011.Foto: Imago

Gerhard Casper, 77, leitet seit 1. Juli die American Academy, als erster President-in-Residence, ein Amt, das die bisherigen Funktionen von Präsident und Geschäftsführer vereint. Er bekleidet den Posten zunächst für ein Jahr, bis ein längerfristiger Nachfolger gefunden ist. Casper, 1937 in Hamburg geboren, hat sich vor allem als Verfassungsrechtler einen Namen gemacht. Seit 1964 lehrt der Jurist in den USA, u.a. in Berkeley und Chicago. Von 1992 bis 2000 war er Präsident der Stanford University, wo er danach wieder Jura unterrichtete. Die 1994 gegründete American Academy mit Sitz am Wannsee dient dem wissenschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen den USA und Deutschland, beherbergt amerikanische Stipendiaten und lädt prominente Experten zum Meinungsaustausch ein. Bis Ende 2014 wurde sie von Gary Smith geleitet.

Mister Casper, Sie sind in Hamburg geboren, seit mehr als 50 Jahren mit einer Berlinerin verheiratet und haben die meiste Zeit Ihres Lebens in den USA verbracht. Wie empfinden Sie Ihre Identität?

Foto: A. Hornischer

Ich habe viele Identitäten. Ich wuchs in den Nachkriegsjahren hier auf, da gab es kaum Gründe, stolz auf Deutschland zu sein. Ich war Lokalpatriot, und damals wurde diese Einstellung in einem Reim ausgedrückt: „Hamburg, Lübeck und Bremen/die brauchen sich nicht zu schämen/denn sie sind eine freie Stadt/wo Bismarck nichts zu sagen hat“. Und ich war begeisterter Europäer. Mit 26 ging ich nach Amerika, habe lange in Chicago gelebt und insofern auch eine Chicagoer Identität. Dann kamen die Jahre in Kalifornien hinzu, in Stanford, mit seinem Motto „Die Luft der Freiheit weht“. Amerikanischer Staatsbürger wurde ich, als ich Dekan der Juristischen Fakultät in Chicago wurde und mir auffiel, wie oft ich „unser Land“ und „unsere Regierung“ sagte.

Sie haben beide Staatsbürgerschaften?

Anders als die USA erlaubte Deutschland das damals noch nicht. Ich werde unruhig, wenn die Leute mich auf eine nationale Identität festlegen wollen, aber es stimmt schon, ich bin überwiegend Amerikaner. Die Verfassung trage ich immer bei mir (zieht ein zerknittertes Heftchen aus der Innentasche seines Jacketts).

Sie leiten seit dem 1. Juli die American Academy in Berlin – in einer Übergangsphase. Was sind die drängendsten Aufgaben?

Die Academy sollte sich in die Stadt hinein öffnen. Ich bin vom Universitätsleben geprägt, das oft nach innen gerichtet ist. Auch unser Hans Arnhold Center am Wannsee sorgt mit seinen eher kleinen Räumen für eine intime, persönliche Atmosphäre. Vielleicht verlieren wir das ein Stück weit, wenn wir mehr in Berlin präsent sind, aber wir wollen mehr Menschen erreichen. Wobei wir uns weniger politisch einmischen wollen als kulturell. Viele unserer Fellows sind Künstler.

In die Academy kommen schon wegen der Entfernung eher die bereits Überzeugten.

Auch deshalb wollen wir hier und da den Stil unserer Veranstaltungen verändern. Wir werden wohl ein wenig experimentieren. Mir liegt auch daran, mehr junge Leute zu erreichen. Die meisten unserer Gäste haben meine Haarfarbe – weiß. Das müssen wir ändern, andere Kooperationen eingehen, andere Themen setzen. Demnächst laden wir eine Persönlichkeit ein, die an der Schnittstelle von Öffentlichkeit und Geheimdiensten arbeitet, den Namen kann ich Ihnen leider noch nicht sagen. Diese Debatte, auch über die NSA, sollte mitten in Berlin stattfinden.

Wegen der NSA-Affäre und der Skepsis beim Freihandelsabkommen TTIP erleben die USA eine Ansehenskrise in Deutschland. Wie nehmen Sie das wahr?

In beiden Fällen haben sich starke ablehnende Koalitionen in Deutschland gebildet. Ich würde mir wünschen, dass wir bei diesen komplizierten Themen gemeinsame Fragestellungen entwickeln. Das ist eine wichtige Aufgabe der Academy: die Kompliziertheit der Sachverhalte offenlegen, wegkommen von vereinfachenden Konfrontationen. Beide Länder müssen sich vor Terror schützen, beide brauchen Geheimdienste, müssen aber auch die Privatsphäre schützen. Wie machen wir das am besten? Oder TTIP: Was genau ist falsch an den Schiedsgerichten? Bisher haben sie für Deutschland ziemlich gut funktioniert. Auch über die Ängste vor genetisch veränderten Nahrungsmitteln kann man sachlich diskutieren. Und ist es nicht bemerkenswert, dass europäische Firmen in den USA mehr investieren als irgendwo sonst? TTIP sollte unnötige bürokratische Hindernisse beseitigen, so wie der Binnenmarkt das in der EU geleistet hat. Gleichzeitig gilt: Wenn TTIP am Ende nicht kommt, ist es nicht der Weltuntergang.

Kulturelle Ausnahmen wie die Buchpreisbindung liegen Ihnen nicht am Herzen?

Doch, natürlich. Aber das lässt sich regeln, wenn die Beteiligten nur wollen.

Sie sind Verfassungsrechtler. Besorgt Sie die Infragestellung grundlegender Konzepte der Bürgergesellschaft seit 9/11? Die Praktiken der NSA, Guantánamo, die geheimen FISA-Gerichte, die über die Überwachung Verdächtiger entscheiden, ohne dass jemand deren Interessen vertritt?

Sicher bereitet mir das Sorgen (zieht die Verfassung heraus). In Amerika verweise ich da gerne auf den vierten Verfassungszusatz. Er garantiert den Schutz der Bürger in ihren vier Wänden vor „unreasonable“, sprich: unangemessenen Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Was bedeutet „unreasonable“? Ich würde sagen, es heißt, dass niemand ohne richterlichen Beschluss an meine Briefe, Mails oder anderen Unterlagen heran darf – und zwar eines Gerichts, das öffentlich tagt und seine Beschlüsse veröffentlicht, was bei den FISA Courts bis vor kurzem nicht der Fall war. Obama hat das geändert.

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