Kultur : American Angst

In George W. Bushs USA herrscht ein Klima der Intoleranz. Besonders die Popmusik ist von Zensur betroffen

Philipp Lichterbeck

Während Europa leidenschaftlich über die Grenzen der Meinungsfreiheit diskutiert, erscheint ein 60 Seiten starker Report über Musikzensur in den USA nach dem 11. September 2001. Obwohl er teils Fälle versammelt, die sich kurz nach den Anschlägen ereigneten und weitgehend bekannt sind, verdeutlicht er: Die Grenze zwischen Freiheit und Unfreiheit verläuft nicht nur zwischen der islamischen Welt und dem Westen, sondern quer durch beide hindurch. Die Befürworter einer offenen Gesellschaft stehen den Advokaten einer disziplinierten Gesellschaft gegenüber. Ausgerechnet in den USA geben Letztere den Ton an.

„Wenn Zensur in der ‚Achse des Bösen’ schlecht ist, ist Zensur in der ‚Achse des Guten’ dann gut?“, fragt der Bericht, den die Organisation Free Muse veröffentlicht hat. Free Muse existiert seit sechs Jahren und dokumentiert Musikzensur weltweit. Die Gruppe, die ihren Hauptsitz in Kopenhagen hat, beschäftigte sich bisher mit Ländern wie Afghanistan, Zimbabwe oder Nigeria.

Nun ist der US-Journalist und Autor Eric Nuzum zu dem Ergebnis gekommen, dass auch in den USA kritische Musiker mittlerweile Beschränkungen ausgesetzt sind, die von Boykottaufrufen bis zu staatlicher Zensur reichen. Den USA, so scheint es, ist die eigene Popkultur suspekt geworden. Deren Versprechungen sexueller und politischer Emanzipation werden als Angriffe auf die Integrität eines Amerikas gewertet, das sich im „Krieg gegen den Terror“ befinde.

Vor allem christlich-konservative Gruppierungen üben Druck auf Supermarktketten und Medienanstalten aus: Sie sollen kritische Musiktitel aus ihren Programmen nehmen. Und allzu oft beschränken sich Künstler und Plattenfirmen in vorauseilendem Gehorsam selbst. Diese Selbstzensur greift auch deshalb um sich, weil die Medienmacht sich in den Händen weniger konzentriert hat. Die rechts-religiösen Besitzer der Supermarktkette Walmart etwa nehmen massiv Einfluss auf Covergestaltung und Songinhalte von CDs in ihrem Verkaufsprogramm. Die Plattenfirmen folgen den „Vorschlägen“, weil rund neun Prozent aller CDs, die in den USA verkauft werden, bei Walmart über den Ladentisch gehen. Der Country-Musiker Willie Nelson etwa veröffentlichte 2005 sein Album „Countryman“ mit zwei verschiedenen Coverbildern. Auf dem Original war ein Hanfblatt abgebildet, auf dem für Walmart angefertigten ein Baum.

Die Offensive gegen die Meinungsfreiheit begann wenige Stunden nach den Anschlägen vom 11.9. Der größte Eigentümer von Radiostationen, Clear Channel, sandte eine Liste mit mehr als 150 „fragwürdigen“ Titeln an seine Stationen mit der Aufforderung, diese nicht zu spielen. Auf der Liste befanden sich auch „Peace Train“ von Cat Stevens und John Lennons „Imagine“. In der nationalistisch aufgeheizten Stimmung wollte Clear Channel den 110 Millionen potenziellen Hörern seiner 1170 Stationen offenbar Lennons Vision von einer Welt ohne Religion und Vaterländer nicht zumuten.

Eric Nuzum beschreibt detailliert, wie die Angriffe auf kritische Künstler in der Folgezeit um sich griffen, oftmals koordiniert von rechts-religiösen Internetforen wie freerepublic.com und reaktionären Sendern wie Fox News. Im Sommer 2002 etwa forderte der Moderator Steve Gill auf CNN einen Boykott von Steve Earles „John Walker’s Blues“. In dem Song erzählt der Rockbarde die Geschichte des US-Bürgers John Walker, der sich den Taliban angeschlossen hatte und bei der Invasion Afghanistans von US-Truppen aufgegriffen wurde. Earle singt: „Ich bin ein amerikanischer Junge, aufgewachsen mit MTV. Ich hab all die Kids in der Cola-Werbung gesehen. Aber keins sah so aus wie ich.“ Die Zeitung „New York Post“ nannte Earle deswegen einen „Amerika-Hasser“.

2003 verbannten mehrere Radiostationen die Gruppe Jethro Tull aus ihren Programmen, weil Sänger Ian Anderson gesagt hatte, dass er von den US-Flaggen vor jedem Haus genervt sei. Die New Yorker Polizei verweigerte Bruce Springsteen nach Konzerten die übliche Éskorte, weil er „American Sky“ gespielt hatte, einen Song über einen afrikanischen Immigranten, der von New Yorker Polizisten erschossen worden war. Für größeres Aufsehen sorgten die Dixie Chicks, deren Sängerin geäußert hatte, dass sie sich dafür schäme, dass George W. Bush aus Texas käme. Innerhalb weniger Tage war die Musik der Dixie Chicks aus dem Äther verschwunden. Bandmitglied Emily Robison erhielt Morddrohungen, ihr Grundstück wurde verwüstet. In Bossier City, Louisiana, walzte man CDs der Band mit einem Traktor nieder.

Im Juli 2004 wurde die Sängerin Linda Ronstadt nach einem Auftritt in einem Casino in Las Vegas kurzerhand aus dem Gebäude geworfen. Sie hatte dem Bush-Kritiker Michael Moore eine Zugabe gewidmet. Im August desselben Jahres lies der Justizminister von Kansas 1600 CDs beschlagnahmen, darunter Werke von Lou Reed und Rage Against the Machine.

Am stärksten von Zensur betroffen sind Musiker, in deren Texten es um Sex geht. Die für die Überwachung des Radio- und Fernsehmarktes zuständige Federal Communications Commission (FCC) beruft sich dabei auf den Radio Act von 1927, der die Ausstrahlung obszöner und unanständiger Inhalte verbietet. Bis 2001 definierte die FCC die Darstellung sexueller Aktivitäten als Unanständigkeit. Dann erweiterte sie die Definition auf sexuelle Anspielungen. Die Strafe für Verstöße hob sie von 27 500 Dollar auf 500 000 Dollar an.

Songs, die verschiedene Sender daraufhin aus ihren Programmen nahmen: Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ oder „Money“ von Pink Floyd. Die American Angst lässt sich an Zahlen ablesen. Während die FCC im Jahr 2001 noch 350 Beschwerden wegen anstößiger Sendeinhalte erhielt, waren es 2004 mehr als eine Million.

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