Kultur : "American Terrorist": Wenn das Monster zum Menschen wird

Malte Lehming

Am Abend hatte er sich zeitig hingelegt. Die Koje befand sich hinter dem Fahrersitz des geliehenen gelben Trucks. Im Laderaum lag wenige Meter entfernt die 3000-Kilo-Bombe, die er am kommenden Tag zünden würde. Trotzdem schlief Timothy McVeigh tief "wie ein kleines Kind", erinnert er sich. Am nächsten Morgen überprüfte der schmallippige, blassgesichtige Junge noch einmal den Wagen und seine halbautomatische Handfeuerwaffe, 45 Kaliber, 16 Schuss. Dann streifte sich der 26-jährige McVeigh - gewissermaßen zur Feier des Tages - ein ganz besonderes T-Shirt über. Darauf stand: "Der Baum der Freiheit muss gelegentlich gegossen werden mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen."

Ein Zitat von Thomas Jefferson. Der Spruch gefiel ihm. An diesem Tag, dachte er, würde viel Blut fließen. Aber so sei das nun mal. Zum Frühstück aß er kalte Spaghetti. "Fertiggerichte geben Energie", sagt er, "und ich wusste, dass ich eine Menge Energie brauchen werde."

So ließe sich die Geschichte nun über viele Seiten weitererzählen. Keine Regung des Attentäters bliebe verborgen. Und in diesem Duktus wird die Geschichte tatsächlich erzählt. Denn in den USA ist gestern ein Buch erschienen, das die Gespräche wiedergibt, die Timothy McVeigh in der Haft 75 Stunden lang seit Mai 1999 mit zwei Lokaljournalisten aus seiner Heimatstadt Buffalo geführt hat (Lou Michel und Dan Herbeck: "American Terrorist. Timothy McVeigh and the Oklahoma City Bombing", Regan Books).

Natürlich gilt das Buch als Sensation, und "Newsweek" brachte am Montag exklusiv erste Auszüge. Seitdem wird auf fast allen Fernsehsendern daraus zitiert. Auch wenn es den Irrsinn der Tat kaum erklärt, ist der Kitzel der öffentlichen Erregung gewaltig.

Am 19. April 1995 um 9 Uhr morgens zündete McVeigh in Oklahoma City seine selbstgebastelte Bombe, sprengte das zentrale Amtsgebäude in die Luft, ermordete 168 Menschen, darunter 19 Kinder, und verwundete 500 Personen. Es war der schlimmste Anschlag in der Geschichte der USA. Verübt hatte ihn keine nahöstliche Terrororganisation, sondern ein schüchterner weißer Mann. Einer von nebenan.

Die getöteten Kinder bezeichnet der Golfkriegsveteran als "Kollateralschaden". Überhaupt sei es seltsam: Nach der Aktion "Wüstensturm" habe man ihm für das Töten von Menschen einen Orden verliehen, jetzt bekomme er von dem selben Staat für das Töten von Menschen die Giftspritze injiziert. Dieser Zynismus McVeighs ist noch relativ leicht zu verkraften. Schwerer wiegen die Passagen, in denen er von sich selbst redet, von seinen geschiedenen Eltern und seinen vergeblichen Bemühungen, eine eigene Familie zu gründen. Er habe sogar schon mit dem Gedanken gespielt, Spermien aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln, damit eine Frau eines Tages ein Kind von ihm empfangen könne. Das Buch verstört. Plötzlich mutiert das Monster zurück zum Menschen, der zwar kein Mitleid kennt, aber dennoch so etwas wie Gefühle zeigt.

Solche Stellen sind es, die einen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit erschrecken. "Das Buch macht einen Märtyrer aus diesem Mann", sagt Kathleen Treanor, deren vierjährige Tochter bei dem Attentat ums Leben gekommen war. Auch der Leiter der vor kurzem eingeweihten Gedenkstätte in Oklahoma City, Bon Johnson, ist empört. "Jeder, der McVeigh zu Wort kommen lässt, unterstützt ihn." Das Angebot der Autoren, die Erlöse aus dem Buchverkauf der Gedenkstätte zukommen zu lassen, hat Johnson brüsk abgelehnt. Einer der beiden Autoren wiederum, Lou Michel, verteidigt das Projekt: "Wenn McVeigh seine Geheimnisse mit ins Grab nehmen dürfte, würde in Amerikas kollektivem Gedächtnis eine Lücke klaffen."

McVeigh sitzt in der Todeszelle des Gefängnisses von Terre Haute / Indiana, schläft viel, liest Zeitungen oder sieht fern,meist CNN. Am 16. Mai soll er hingerichtet werden. McVeigh wehrt sich dagegen, als psychopathischer Killer zu gelten: "Ich habe großen Respekt vor dem menschlichen Leben. Bei meiner Entscheidung, das Gebäude in Oklahoma City in die Luft zu jagen, ging es mir nicht um persönliche Ziele, sondern um einen höheren Wert."

Welcher Wert das sein soll, bleibt unklar. Die Theorie von einem rechtsextremen Einzeltäter nährt das Buch nicht. Am ehesten beschreibt den Mann wohl der Begriff des "geltungssüchtigen Fanatikers". Das Attentat verübte McVeigh am zweiten Jahrestag der Ereignisse von Waco in Texas. Dort hatten FBI-Beamte 1993 wochenlang ein Sekten-Anwesen belagert und schließlich gestürmt. 80 Sektenmitglieder starben dabei. Er habe diese Bilder im Fernsehen gesehen und geweint, erzählt McVeigh. Rachegelüste wallten in ihm auf. Er selbst nennt sie Gerechtigkeitsgefühle.

Um das Verhältnis von Rache und Gerechtigkeit wird sich auch die Diskussion bis zu seiner Hinrichtung drehen. Es wäre die erste Todesstrafe, die die amerikanischen Bundesbehörden seit 1953 vollstrecken. Amerika ist auf eine gruselige Weise fasziniert davon und angewidert zugleich. "Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll auch von Menschen vergossen werden." So steht es in Genesis 9,6. Amerika ist auf eine mitunter archaische Weise religiös. Zwei Drittel aller Amerikaner sind nach wie vor für die Todesstrafe. Im Falle McVeigh liegt diese Zahl sogar weitaus höher. Selbst ein Fünftel der entschiedenen Gegner der Todesstrafe befürworten dessen Hinrichtung.

Die großen liberalen Zeitungen wie die "New York Times" und "Washington Post" lehnen die Todesstrafe prinzipiell ab, sie beschränken sich aus Pragmatismus aber vorerst auf die Forderung, das System zu reformieren. Auch sie haben allerdings keinen Beweis dafür, dass jemals ein Unschuldiger in den Vereinigten Staaten hingerichtet wurde. Alle anderen Verfehlungen dagegen sind einschlägig dokumentiert: Pflichtverteidiger, die bei der Verhandlung einschlafen, Geständnisse, die von geistig Behinderten gemacht werden, unzureichende DNA-Analysen und vieles mehr. Aufsehen erregte zuletzt der Fall von Earl Washington Jr., der am 12. Februar aus der Haft entlassen worden war. Elf Jahre lang hatte er in der Todeszelle gesessen. Erst jetzt ergaben neu entwickelte DNA-Tests, dass er nicht der Täter gewesen sein konnte.

Vor 25 Jahren wurde die Todesstrafe in den USA wieder eingeführt, in 38 Bundesstaaten wird sie praktiziert, in 25 davon dürfen auch geistig Behinderte umgebracht werden, 702 Menschen sind insgesamt bislang hingerichtet worden. Zuletzt traf es Robert Lee Massie, der am vergangenen Dienstag im kalifornischen San Quentin die Todesspritze erhielt. Massie hatte 1979 in San Franzisko einen Kioskbesitzer ermordet. Seit seiner Verurteilung saß er 21 Jahre lang in der Todeszelle.

Die Gegner der Todesstrafe sprechen angesichts der Fehlbarkeit des Menschen von "gerichtlich sanktionierter Barbarei". Selbst Delinquenten, die zur Tatzeit minderjährig waren, können in den USA hingerichtet werden. Weltweit werden solche Personen nur in Amerika, dem Kongo und im Iran exekutiert. Das zumindest soll sich demnächst ändern. Dem Kongress liegt ein entsprechender parteiübergreifender Gesetzentwurf vor. Das Schlüsselwort in der gegenwärtigen Reform-Diskussion heißt "deathworthiness" - zu Deutsch etwa: Tötungswürdigkeit. Nicht um die Abschaffung der Todesstrafe geht es, vielmehr um ihre Verfeinerung, die sie immunisieren soll gegen alle Kritik, die nicht fundamental ist.

McVeigh ist bereit zu sterben. Provozierend nennt er das Todesurteil gegen ihn einen "Selbstmord mit staatlicher Beihilfe". Vor einigen Wochen regte er sogar die Fernsehübertragung seiner Exekution an. Den Angehörigen seiner Opfer gönnt er offenbar nicht einmal die Genugtuung, ihn selbst auch nur ein bisschen zerknirscht oder leidend zu erleben. Mehr als 1300 Medienvertreter haben sich bei der Gefängnisleitung schon akkreditiert. Der Kabelsender "Court TV" hat angekündigt, zwei volle Tage lang über die Hinrichtung zu berichten. Die 16 000 Schüler von Terre Haute haben wegen des zu erwartenden Andrangs für den Hinrichtungstag vorsorglich frei bekommen, obwohl das Gefängnis etwa 15 Kilometer außerhalb der Stadt liegt.

Auch Bud Welch war vor einigen Tagen in Terre Haute. Er wollte das Gefängnis sehen. Die Tochter des 61-jährigen Tankstellenbesitzers war bei dem Anschlag getötet worden. Bud Welch war verzweifelt. Fast ein Jahr lang konnte er danach kaum schlafen, rauchte täglich drei Packungen Zigaretten und begann zu trinken. Eines Morgens fand er sich nach durchzechter Nacht neben den Ruinen des Alfred-P.-Murrah-Gebäudes wieder und beschloss, sein Leben zu ändern. Seitdem predigt er Vergebung. "Man heilt keine Wunden, indem man andere Menschen umbringt", sagt er und fährt durchs ganze Land, um gegen die Todesstrafe zu protestieren.

Auf Vermittlung einer Nonne traf sich Welch vor kurzem sogar mit dem Vater von Timothy McVeigh sowie der Schwester des Attentäters, Jennifer. Am Ende des Gesprächs umarmte er Jennifer und sagte: "Wir drei werden für den Rest unseres Lebens mit dieser Sache zu tun haben." Doch vergeben können nur wenige. Die meisten Angehörigen der Attentatsopfer fordern die Todesspritze für Timothy McVeigh. Etwa 250 haben angekündigt, am 16. Mai nach Terre Haute zu fahren. Sie wollen sehen, wie McVeigh stirbt. Sie unterscheiden nicht zwischen Rache und Gerechtigkeit. Manchmal tut es weh, diesen Unterschied machen zu müssen.

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