Kultur : Amerika, du hast es besser

Christoph von Marschall über den transatlantischen Blick auf Frankreich

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Die Genugtuung ist nicht zu überlesen. Die Nation, die mit dem Finger auf Amerika zeigte, dessen falsche Ideologie, das bemitleidenswerte Kulturverständis, steht selbst am Pranger. Integration à la française ist gescheitert, ja die ganze Staatsdoktrin, das Sozialmodell – so verkünden es die Kolumnisten der großen US-Blätter. In Amerika funktioniere der „melting pot“, Einwanderer haben eine Chance und nutzen sie. Doch hier habe man auch nicht solche Flausen im Kopf, der Sozialstaat könne das besser regeln als der Markt.

Anne Applebaum erinnert in der „Washington Post“ an die hämischen Stimmen zur späten Hurrikanhilfe der Bush- Regierung. Die „Le Monde“-Karikatur – ein fassungsloser Präsident vor dem Fernseher: „Was ist das für ein Land? Ist es weit weg? Wir müssen unbedingt etwas tun!“ – müsse man wieder drucken, nur Bush durch Chirac ersetzen. Der Hauptunterschied sei: Bush handelte mit zwei Tagen Verspätung, Chirac ist noch nach elf Tagen ratlos und untätig.

Über all dem Stolz auf „Liberté, Egalité, Fraternité“, schreibt Eugene Robinson im gleichen Blatt, habe Frankreich die „diversité“ ignoriert, habe sich geweigert, religiöse Unterschiede und kulturelle Spannungen ernstzunehmen. Sie wurden per Staatsdoktrin wegdefiniert: strikte Trennung von Staat und Kirche, Religion sei Privatsache, also ohne Belang im öffentlichen Leben. Wer Französisch spreche und die Dogmen akzeptiere, dürfe mit gnädiger Aufnahme in die Kulturnation rechnen. „Aber sie haben keine Antwort für die Muslimfamilien, die trotz Kopftuchverbot weiter wollen, dass ihre Töchter Kopftuch tragen.“ Das Modell Frankreich sei gescheitert, das Land müsse seinen multikulturellen Charakter anerkennen und wie Amerika das Zusammenleben verschiedener Rassen, Religionen, Kulturen und Sprachen zum allgemeinen Wohl nutzen. Multikulti sei keine Harmonieveranstaltung, sondern mühsam und spannungsgeladen. Und im Grunde wie die Demokratie: das schlechteste Konzept, abgesehen von allen anderen.

Amerikas Kulturhegemonie zeige sich noch im Einfluss seiner Rebellen auf den Antiamerikanismus in aller Welt, meint David Brooks in der „New York Times“. In Frankreich reiche es nicht einmal zu einer französischen Gegenkultur der Vorstadtrevoluzzer. Den „Gangsta-Rap“ borgten diese sich aus den USA. Doch selbst mit ihrer Musik könnten sie nicht genug Anerkennung gewinnen, um die Mauern der Vorurteile zu überwinden.

Die beste Solidarität sei Teilhabe am ökonomischen Erfolg, argumentiert das „Wall Street Journal“. Seit 1978 habe sich der Immigrantenanteil in den USA von 6 auf 12 Prozent verdoppelt, die Arbeitslosenrate aber sei auf 5 Prozent gesunken. Das Einkommen von Einwandererfamilien wachse jährlich um 10000 Dollar, nach wenigen Jahren wohnt die Mehrheit in eigenen vier Wänden. Von Amerikas zwei Millionen Muslimen haben 60 Prozent studiert, ein Drittel davon verfügt über ein Jahreseinkommen von mehr als 75000 Dollar. Die Gesellschaft sei durchlässig, nur 21 Prozent heiraten in der eigenen Gruppe. Dagegen die Bilanz des französischen Sozialsystems: doppelt so viele Arbeitslose, kaum ökonomische Chancen für Zuwanderer, sozialer Aufstieg ist die Ausnahme. Das amerikanische Fazit: Ihr predigt Solidarität, wir leben sie.

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