Kultur : Amerika, du hast es schwerer „Ortsbegehung“ mit Auto im Berliner Kunstverein

Ulrich Clewing

Ein Sports Utility Vehicle (SUV) ist ein Auto, das früher einmal nur Geländewagen war. Heute bevorzugt es bekanntlich geteerte Straßen, säuft dabei wie ein Loch und erlangte deshalb vor einiger Zeit in den Vereinigten Staaten den Status des Politikums. Der hohe Benzinverbrauch, die vermeintliche Unterstützung der arabischen Welt und ihrer Erdölquellen durch permanentes Nachtanken, ja sogar die innere Sicherheit: Plötzlich galt das Steuern des gerade bei Patrioten besonders beliebten Gefährts in den USA als unpatriotisch. „Selfish, useless, vain“ lautete auf einmal die Abkürzung für SUV.

Und so wurde aus den drei imageträchtigen Buchstaben ein Kürzel für Ambivalenz, dessen sich derzeit auch der Neue Berliner Kunstverein bedient. SUV lautet der Titel der zehnten „Ortsbegehung“, mit der der Kunstverein seit 1995 einmal pro Jahr die Berliner Szene abschreitet. Kuratorin ist diesmal Ute Tischler, als ambitionierte Ausstellungsmacherin der Treptower Galerie im Parkhaus noch gut in Erinnerung. Sie hat wie immer bei den „Ortsbegehungen“ drei Künstler ausgewählt, die sich in diesem Fall einem Thema widmen, das in Europa seit alters her fasziniert: die „Beziehung zur Großmacht Amerika und ihr Einfluss auf die europäische Kultur und ihre Verhaltensnormen“ (Tischler).

Da drohen Fußangeln, lachen die Klischees und feixt das Ressentiment. Am Ende gähnt die Langeweile, normalerweise. Hier ist das einmal nicht so. Katrin Lock entwirft Plakate für Hollywood-Filme, die es so allerdings nie geben wird. Dazu kann man einem Hörstück lauschen, das Dialoge aus Katastrophenfilmen zitiert — was, wie zu erwarten, ziemlich wüst klingt. Maik Wolf, Maler, Forscher, Computertüftler, zeigt Bilder mit Gegensatzpaaren: Naturzerstörung und -erhaltung, Ideal, Gemeinwohl und naive Menschlichkeit, das Idyll und langsam wachsender Argwohn.

Das ist nicht nur gedanklich komplizierter, sondern auch schöner anzusehen als die Hollywood-Politshow von Katrin Lock. Wolf erzielt in dieser Dreierkonstellation einen guten zweiten Platz, nur knapp geschlagen von Andreas Schimanski und seinen – oberflächlich betrachtet – schlichten Botschaften: eine pink gestrichene Wand mit dem Schriftzug „I believe...“, ein Video, in dem zu nervigem Techno-Sound die Lametta-Püschel einer Cheerleaderin fixiert werden. Insgesamt ein flirrender Overkill an Animation. Im letzten Raum jedoch lässt der Künstler Einfachheit und Denkfaulheit grandios die eigene Grube graben. In der Videoinstallation „Kritik“ schaut man einer jungen Frau dabei zu, wie sie alles und jeden von der Leinwand herab unflätig beschimpft. Das erträgt keiner lang: Besser kann man für differenzierte Argumente nicht werben.

Neuer Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, bis 22. August. Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr, Sonnabend/Sonntag 14–18 Uhr. Katalog 10 €.

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