Kultur : Amerika: Großer Bruder, böser Bruder

Richard Herzinger

Amerika als Gegenstand des Mitgefühls, Amerika in der Rolle des verwundbaren Opfers - eine ganz neue Erfahrung war das in der vergangenen Woche. Ob im Guten oder im Bösen, bei Amerikaenthusiasten oder Amerikagegnern: Das Bild der Vereinigten Staaten war seit jeher von der Vorstellung eines übermächtigen, Riesen bestimmt, der alles besser kann, aber auch ein wenig tumb, zu kulturlos und daher unberechenbar und irgendwie gefährlich sei. Gerade erst hatte die Amtsübernahme von George W. Bush und der damit verbundene Schwenk in der amerikanischen Außen- und Umweltpolitik hierzulande zu einer verstärkt amerikakritischen Stimmung geführt. Zahlreiche Kommentatoren diagnostizierten eine wachsende politische, wirtschaftliche und kulturelle Entfremdung zwischen Amerika und Europa. Doch all das schien nach den massenmörderischen Anschlägen vom 11. September wie weggewischt.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung spürte, dass der Schmerz, der die Amerikaner getroffen hat, auch in unser eigenes Fleisch schneidet. Selbst rüdeste Amerikaskeptiker konnten sich einen Moment lang dem Eindruck nicht entziehen, dass der Terroranschlag ebenso uns und unserer eigenen freiheitlichen Lebensweise gegolten hat. Ein bisschen war das Verhältnis zu Amerika wohl immer schon mit der Beziehung zu einem großen Bruder vergleichbar, von dem man sich ständig untergebuttert fühlt und gegen den man ständig anstänkern muss, gerade weil man sich ihm hoffnungslos unterlegen fühlt. Wie sehr man an ihm hängt und wie sehr man von seinem Schutz profitiert, merkt man erst dann, wenn er einen Unfall hatte.

Der Allmächtige

Den scheinbar allmächtigen Bruder jetzt schwach und hilflos zu sehen, machte doppelt Angst: Wenn sogar er von einem solchen Unheil getroffen wurde, wie ausgeliefert sind wir dann selbst den Unwägbarkeiten des Lebens? Und die Erkenntnis, dass dieses scheinbar unverletztliche Amerika - gerade wegen seiner Unverletzlichkeit glaubte man ja, ihm jederzeit bedenkenlos die wüstesten Vorwürfe machen zu können - nun selbst auf die aktive Hilfe der engsten Verwandten angewiesen ist, trifft die konfliktunerfahrenen Nachkriegs-Deutschen völlig unvorbereitet.

Je mehr die unmittelbare Schockwirkung des Attentats langsam, aber spürbar nachlässt und der angekündigten Gegenschlag der USA gespannte Erwartung erzeugt, desto mehr setzt sich das vor dem 11. September vorherrschende Amerikabild unmerklich wieder durch. Die Anteilnahme am Leid der Opfer in New York und Washington und das Entsetzen über die Bestialität der Mörder weichen der Furcht, von der zu äußerster Wut gereizten Supermacht in einen Konflikt hineingezogen zu werden, bei dem man selbst Schaden nehmen könnte.

Und wer würde diese Furcht nicht verstehen? Jedem Menschen, der seine fünf Sinne halbwegs beisammen hat, muss es vor dem Abgrund der Gewalt schaudern, der sich mit den Terrorattacken aufgetan hat. Wer könnte auch glauben, dass der Kampf gegen eine solche furchtbare Macht ohne äußerst gefährliche Konsequenzen bleiben wird? Und doch hat die gegenwärtig sich durchsetzende deutsche Angststimmung etwas Degoutantes und irgendwie Kindisches. Unmerklich haben sich die Solidaritätsbekundungen für die amerikanischen Freude in Bittkundgebungen an die amerikanische Regierung verwandelt, sie möge bei ihrem Gegenangriff doch um Gottes Willen Vernunft und Augenmaß bewahren.

Auch dagegen ist an sich nichts zu sagen. Aber die ständige und immer eindringlichere Wiederholung dieser Mahnung auf den Straßen, in den Talkshows und aus den Kirchen - zuletzt noch vom Papst persönlich - impliziert, dass man der US-Regierung zutraut, sie sei darauf aus, wahllos mindestens ebenso viele unschuldige Zivilisten umzubringen wie die Massenmörder von New York und Washington.

Unrecht und Rache

Dabei gibt das bisherige Vorgehen der US-Regierung für einen solch ungeheuerlichen Verdacht keinerlei konkreten Anlass. Dennoch wird in den hiesigen Medien gebetsmühlenartig unterstellt, die amerikanische Bevölkerung dränge auf alttestamentarische Vergeltung. Rufe nach Revanche, die von Überlebenden unter dem Eindruck des grässlichen Anschlags von New Yorker Passanten in irgendein Mikrofon geschrieen wurde, müssen als Beleg für den latent kriegslüsternen Charakter ganz Amerikas herhalten. Die Gefahr eines unkontrollierbaren Durchdrehens der Amerikaner wird so heftig übertrieben, weil man sich insgeheim wünscht, die USA möchten ganz auf Gegengewalt verzichten. In der infantilen Hoffnung, dann würden die Terroristen vielleicht in Zukunft von weiteren bösen Taten absehen.

Der Psychologe Horst Eberhard Richter warnte am Sonntag im ARD-Kulturweltspiegel vor der Versuchung der "Rache", deren Eigenschaft darin bestehe, dass man ein "kleineres Unrecht mit einem noch größeren beantwortet". Und das müsse unbedingt verhindert werden. Der verheerendste Terroranschlag in der modernen Geschichte - ist er etwa ein "kleineres Unrecht"? So schnell schon ist das Erschrecken und das Mitleiden mit den amerikanischen Opfern verblasst, dass ein vermeintlicher Moralist sich eine solche moralische Entgleisung im deutschen Fernsehen unwidersprochen leisten darf.

Amerikaner als Opfer - das passt einfach nicht ins Weltbild von der gnadenlosen Supermacht. Zahlreiche Intellektuelle versuchen daher, dieses Weltbild so schnell wie möglich zu restabilisieren. Das lähmende Entsetzen über die neue Dimension des Terrors wird übertönt, indem der US-Politik ihre tatsächlichen und vermeintlichen außenpolitischen Verbrechen und Versäumnisse vorgerechnet werden. So soll den Mordtaten indirekt doch noch ein rationaler Sinn zugeschrieben werden.

Doch was immer die US-Regierung jemals falsch gemacht haben mag: Kann das in irgendeiner Weise die grenzenlose Enthemmung erklären, mit der apokalyptische Fanatiker sich selbst und Tausende Unbeteiligte ihrem Hass auf die lebendige Welt opfern? Nein, dies ist so wenig möglich, wie Auschwitz aus der Demütigung abzuleiten ist, die Deutschland durch den Versailler Vertrag erlitten hat.

Während die Feuerwehrleute in New York und Washington in den rauchenden Trümmern nach Leichenteilen suchen, macht sich die deutsche Feuilleton-Öffentlichkeit immer mehr Sorgen über eine mögliche Diskrimminierung des Islam. Auch das ist für sich genommen ein höchst ehrbares und für den Bestand unserer pluralistischen Gesellschaft sogar essenzielles Anliegen. Aber es wird dann fragwürdig, wenn es sich als nonkonformistisches intellektuelles Wächtertum gegenüber einer tumben westlichen Politik ausgibt, die angeblich nichts anderes im Sinne hat, als einen "Krieg der Kulturen" vom Zaun zu brechen. Davon kann aber gar keine Rede sein. In Wahrheit warnen alle führenden westlichen Politiker, von Präsident Bush selbst bis zur deutschen Regierung und ihrer Opposition, eindringlich davor, Menschen wegen ihres Glaubens oder ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Kulturkreis zu verdächtigen, etwas mit terroristischer Gewalt zu tun zu haben.

Arafats Blutspende

Allein die Frage nach der Verantwortung der islamischen Welt im Zusammenhang mit der Debatte um die Bekämpfung des islamistischem Terrorismus gilt in diesen Tagen als obsolet. Wer sie stellt, wird leicht des Ressentiments gegen Muslime bezichtigt. Arafats spektakuläre Blutspendenaktion am vergangenen Mittwoch muss als Beweis für die makellose Unschuld verantwortlicher arabischer Politiker genügen. Auf die Anstrengungen Arafats, den mörderischen Terrororganisationen in den eigenen Reihen das Handwerk zu legen, müssen wir freilich weiter warten. Dafür erhält der schon vergessen geglaubte "Islamexperte" Peter Scholl-Latour auf allen deutschen Fernsehkanälen ausgiebig Gelegenheit, wieder einmal seinen Ressentiments gegen den westlichen Menschenrechtsimperialismus Luft zu machen und die totale Ahnungslosigkeit der Amerikaner gegenüber den Sensibilitäten der islamischen Welt sowie ihren notorischen außenpolitischen "Dillettantismus" für die Eskalation der Lage verantwortlich zu machen.

Angeblich tragen die USA auch für die Existenz der islamischen Diktaturen, einschließlich des Taliban-Regimes, mehr oder weniger die Hauptschuld. An Amerika mag Scholl-Latour eigentlich gar nichts - außer, dass es, im Gegensatz zu unserer verachtenswerten "Spaßgesellschaft", noch immer ein tief religiöses Land sei. Er wünscht sich auch für unser Land eine Rückkehr unter die Fittiche des christlichen Glaubens und erhält für seine kaum verhohlenen autoritären Sehnsüchte im Studio bei Michel Friedman dankbaren Beifall.

Nein, Amerika darf einfach nicht Opfer sein, es muss indirekt wieder zum Täter erklärt werden. Denn diese Weltsicht hat, wie sich jetzt zeigt, für weite Teile der hiesigen Öffentlichkeit eine unverzichtbare orientierungsstiftende Funktion. Wenn man Amerika als Verantwortlichen ausgemacht hat, muss man sich nicht mehr so sehr vor den unabsehbaren und unabwägbaren Bedrohungen einer gewalttätigen Welt fürchten. Was immer dann passiert, man hat es eigentlich ja schon längst gewusst. Dass diese Glaubenssicherheit eine höchst trügerische ist, lässt sich freilich immer schwerer verdrängen.

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