Amerika Haus Berlin : Wiedersehen im Westen

Die Fotogalerie C/O Berlin zieht ins Amerika Haus. Mit der Freilichtausstellung „Bourgeoisie, Swing und Molotow-Cocktails“ erinnert sie an die heißen Jahre des Ortes.

Tomasz Kurianowicz
Bücherauto vor dem alten Amerika Haus, 1952.
Bücherauto vor dem alten Amerika Haus, 1952.Foto: Aliierten Museum

Die Widersprüche umfassen einen Kontinent. Einerseits sind die USA das Geburtsland des Jazz und des Rock’n’Roll, das Land der Meinungsfreiheit und der Demokratie, der Hippies und der Schwulenbewegung – jener Raum, wo sich die freigeistige Musik eines Bob Dylan und die transparente Architektur eines Frank Lloyd Wright entwickelte. Andererseits haben die USA irrsinnige Kriege geführt, Rassentrennung und politische Verfolgung im eigenen Land toleriert. Und ihre Geheimdienste nehmen sich alles heraus.

In West-Berlin, wo die Präsenz der Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges weltmächtig mit Bedeutung aufgeladen war, spitzten sich diese Widersprüche immer wieder zu. Als ein Symbol stand dafür das Amerika Haus am Bahnhof Zoo, das 1957 eröffnet wurde und wie viele dieser Häuser einen besonderen Stellenwert in der Verbreitung amerikanischer Werte hatte. Bis 2006 wurde es von den Amerikanern betrieben, dann geschlossen und der Stadt übergeben. Anfang des Jahres teilte die Senatsverwaltung mit, dass das Amerika Haus die neue Heimat der Fotogalerie C/O Berlin wird, die das Postfuhramt in Mitte verlassen musste.

Eine Visitenkarte geben die neuen Hausherren mit der – kostenlosen – Foto-Ausstellung „Bourgeoisie, Swing und Molotow-Cocktails“, die vom heutigen Freitag an im Freien vor dem durch Renovierungsarbeiten verdeckten Amerika Haus gezeigt wird. Sie nimmt die spannungsreiche Geschichte des Kulturzentrums am Bahnhof Zoo in den Blick. Anfangs war die Institution in Charlottenburg noch ein Element der Demokratisierungsstrategie der Amerikaner. In der frei zugänglichen Bibliothek sollten West- und Ost-Berliner jene Bücher wiederentdecken, die unter den Nationalsozialisten verboten gewesen waren. Amerikanische Zeitschriften, Filme und Musik dienten als Mittel zur Verbreitung demokratischer Werte. Auf einer Schautafel sieht man dick bekleidete Ost-Berliner, die Schlange stehen, um in dem Haus neue US-Filme zu sehen.

Der Bau selbst stieg zum Entnazifizierungssymbol auf. An der Hardenbergstraße, wo einst eine Villa stand, in der vor dem Zweiten Weltkrieg NS-Funktionäre propagandistische Kunstwerke gezeigt hatten, demonstrierte jetzt ein westlich orientiertes Kulturzentrum Zugänglichkeit und Transparenz. Die Amerikaner engagierten erst den deutschen Architekten Walter Gropius, der wegen seines amerikanischen Passes als idealer Kandidat für das Projekt galt, bis Finanzstreitigkeiten die Zusammenarbeit beendeten. Neuer Partner war das auf Hochhäuser spezialisierte Büro SOM des Architekten Gordon Bunshaft aus Chicago, der mit dem Motto „new, clean, spectacular and american“ einen Prachtbau zu errichten hoffte. Das passte wiederum den Republikanern nicht. Am Ende fiel die Wahl auf einen Kompromisskandidaten, den Senatsarchitekten Bruno Grimmek, der an Gropius’ Pläne anknüpfte und ein lichtdurchflutetes, nüchternes Haus im Stile der Neuen Sachlichkeit entwarf, das sich durch eine offene Ästhetik explizit gegen den Größenwahn der Speer-Ära richtete.

Es ging um Demokratievermittlung, doch in der Hochphase des Kalten Krieges mussten Bibliotheksmitarbeiter Bücher aussortieren, denen das State Department sozialistische Verherrlichung unterstellte. Auf dem Index landete beispielsweise das Werk von Jean-Paul Sartre. Nur marktwirtschaftlich-lupenrein gedruckte Ware war erlaubt, etwa westdeutsche Zeitungen, die in einem Lesesaal speziell für Ost-Berliner kostenlos verteilt wurden. In der Sprache der Amerikaner hieß das „Re-education“. Der Schriftsteller Franz Fühmann fand 1958 eine andere Beschreibung: „Ich hatte den Eindruck, dass sich hier Gemüsehändler einen bescheidenen Posten Altpapier errangen.“

Vom Symbol für Befreiung wandelte sich das Amerika Haus zum Hassobjekt

Der spannendste Teil der 120 Bilder umfassenden Ausstellung ist jener über die aufbrausenden sechziger Jahre. Vor dem Amerika Haus entlud sich der Zorn der linken Studenten der Freien Universität. Für sie repräsentierte das Gebäude die Schuldigen am Vietnam-Krieg, an der Rassendiskriminierung, dem Imperialismus und Kapitalismus. Schlaglichtartig zeigt das ein Bild, auf dem Otto Schily ein Transparent mit der Aufschrift „Nixon begeht Völkermord“ in die Höhe hält. So friedlich blieb der Protest allerdings nicht. Auf der gleichen Tafel ist ein Brief abgedruckt, auf dem ein Brandbombenwerfer seinen Gewalteinsatz gegen das Haus mit einer Analogie zwischen Holocaust und Vietnam-Krieg rechtfertigt: „Wir befinden uns auf dem besten Wege zum Neofaschismus“, schreibt der Autor Rolf Ficker, um seinen Angriff auf die US-Institution zu verteidigen.

Es begann eine Zeit fliegender Eier und explodierender Molotow-Cocktails. Das Amerika Haus wandelte sich innerhalb von zwanzig Jahren vom Symbol für Befreiung, Demokratie und Meinungsfreiheit hin zum Hassobjekt, das für Unterdrückung und Ausbeutung stand. In einem postfaschistischen Land entbehrte das nicht der Ironie und zeigt die bis heute schwierige Beziehung zwischen Deutschland und den USA.

Dabei ist es bezeichnend, dass die Studentenproteste der Transparenz der Institution nichts anhaben konnten. Bis in die achtziger Jahre war das Amerika Haus nicht nur architektonisch, sondern auch ideell offen für Besucher aus aller Welt. Sicherheitskontrollen und Barrikaden wurden erst in den Neunzigern eingeführt, als sich die Amerikaner durch terroristische Anschläge zunehmend bedroht fühlten. Nach dem Fall der Mauer begann der Niedergang. Der kapitalistische Auftrag schien erfüllt, die Mission beendet, so dass die Politik an dem Kulturzentrum das Interesse verlor. Und vor sieben Jahren schloss das Haus dann seine Türen.

Wenn der denkmalgeschützte Bau im nächsten Frühjahr neu eröffnet, beginnt ein völlig anderes Kapitel. Anfang der Woche war der ursprünglich geplante Termin verschoben worden, nachdem sich herausgestellt hatte, dass die Renovierungsarbeiten mehr Zeit benötigen. Mit C/O Berlin ist für die kommenden sechzehn Jahre ein Mieter gefunden, der mit seinen Ausstellungen an beste amerikanische Offenheit anknüpfen will. Außerdem soll der Westen Berlins wieder mehr Aufmerksamkeit finden.

Amerika Haus, Hardenbergstr. 22-24, bis 15.9., tägl. 12-24 Uhr (Eröffnung: Freitag 12.7., 19 Uhr)

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