Kultur : Amerika im Abendglanz

Das New Yorker Metropolitan Museum of Art würdigt Sanford R. Gifford, einen gefeierten Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts

Bernhard Schulz

Die amerikanische Landschaftsmalerei erlebte im 19. Jahrhundert eine bemerkenswerte Hochblüte. Die Hudson River School prägte das Bild der amerikanischen Landschaft im kollektiven Gedächtnis. Mit dem Siegeszug von Industrie und Technik blieb diese Vorstellung als Wunschbild erhalten, während sich gleichzeitig die Kenntnis der betreffenden Kunstwerke verlor. Erst seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts erlebten die Landschaftsmaler eine breite Renaissance in Ausstellungen und Publikationen.

Sanford Robinson Gifford (1823-1880) war zu seinen Lebzeiten hoch geschätzt und wurde unmittelbar nach seinem Tod mit einer Retrospektive im damals noch jungen Metropolitan Museum of Art geehrt. Dort ist jetzt, 123 Jahre später, eine weitere und überhaupt erst die dritte Retrospektive erarbeitet worden, die den Rang des Künstlers neben Zeitgenossen wie Frederic Edwin Church oder John F. Kensett zurückgewinnen soll. Gifford suchte die unberührte Landschaft entlang des Hudson-Flusses auf, die der ganzen „Schule“ ihren Namen gab, und prägte das Bild der amerikanischen Landschaft, bevor die spektakuläreren Ansichten des bald eroberten fernen Westens populär wurden. Giffords Ansichten aus den Catskill-Bergen zeigen die unberührte Natur im Bewusstsein ihrer alsbaldigen Entstellung. Seine Staffagefiguren sind stets winzig klein, um einen Maßstab für die Größe dieser durch und durch harmonischen Wildnis zu geben. Nahe liegt die Einordnung ins Romantische. Doch Gifford ist das genuin romantische Motiv des Erhaben- Schrecklichen fremd. Seine Landschaften glänzen im Abendsonnenschein eines Es- war-einmal, das der Maler gerade noch erleben durfte.

Technisch war Gifford womöglich der beschlagenste Künstler seiner Zeit. Seine meist breit gestreckten Kompositionen messen den Tiefenraum aufs Schönste aus, und zumal im anspruchsvollen Gegenlicht der sinkenden Sonne vermag er den Klang der Farben virtuos zu orchestrieren. Doch gerade sein stupendes Können hinderte ihn daran, die Wildheit und Fremdheit der amerikanischen Landschaft unmittelbar wiederzugeben. Stets findet der Betrachter gewissermaßen einen Ausweg: zwei Boote, die ihre Passagiere vor dem „Aufziehenden Sturm am George-See“ in Sicherheit bringen (1877), oder das bescheidene Bauernhaus in „Hunter-Berg in der Dämmerung“ von 1866, einer pastoralen Landschaft und nicht von ungefähr eines der erfolgreichsten Werke des Malers. Die kleinen Figuren am Bildrand nehmen meist stellvertretend den Platz des Malers ein: als Augenzeugen in ruhiger Betrachtung der Natur.

Gifford reiste für damalige Verhältnis viel und weit. So war er lange auf der damals für Künstler noch obligatorischen Grand Tour in Italien – aber auch in Ägypten. Beider Länder Ansichten unterscheiden sich nicht markant von seinen amerikanischen Werken, wie ein Vergleich zwischen den beiden ungemein reduzierten Kompositionen „Ein Spätsommertag am Hudson“ von 1868 und „Auf dem Nil“ von 1871 zeigt. Es gibt kaum einen Maler seiner Zeit, der es vermochte, derart wenig auf die Leinwand zu bringen: einen ruhig dahinströmenden Fluss und darüber einen gleichförmigen Himmel. Aber gerade diese enormen, unmerklich modulierten Farbflächen machen aus heutiger Sicht den Rang des Malers aus.

Seine Kunst erinnert bisweilen – zumal in den römischen Ansichten – an den Franzosen Corot. Es ist eine Kunst der idealisierten Naturwiedergabe, kurz bevor das Zeitalter von Industrie und Impressionismus die Wahrnehmung grundstürzend veränderte.

New York, Metropolitan Museum of Art, bis 8. Februar. Exzellenter Katalog, 40 Dollar.

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